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Katastrophen

Das Büro der Vereinten Nationen für die Reduzierung von Katastrophenrisiken (UNISDR) definiert „Katastrophe“ als eine ernste Unterbrechung der Funktionsfähigkeit einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Diese wird durch erhebliche Verluste an Menschenleben, durch materielle Schäden, ökonomische oder Umweltverluste verursacht und übersteigt die Fähigkeit der betroffenen Gemeinschaft oder Gesellschaft, mit eigenen Mitteln damit fertig zu werden. Die Definition schließt auch lang andauernde (z.B. AIDS-Pandemie) oder lang abzusehende (z.B. Klimakawandel) Schadensereignisse mit ein. Allein in der Dekade zwischen 2002 und 2011 wurden laut UNISDR weltweit 4.130 Katastrophen dokumentiert. Ihnen fielen mehr als eine Million Menschen zum Opfer, der ökonomische Schaden belief sich auf mindestens 1,195 Billionen US-Dollar.

Naturgefahren

Erdbeben, Überschwemmungen oder Dürren werden gewöhnlich als Naturkatastrophen bezeichnet. Doch genau genommen ist dieser Begriff inhaltlich falsch. Denn so genannte Naturgefahren oder extreme Naturereignisse werden erst zu Katastrophen, wenn die Verwundbarkeit der Betroffenen hoch ist. Zu den Risikofaktoren, die eine Gesellschaft verwundbar machen, zählen zum Beispiel Armut, fehlende Bildung, Umweltzerstörung oder eine mangelhafte Gesundheitsversorgung. Erst im Zusammenspiel mit diesen Risikofaktoren wird das extreme Naturereignis zur Katastrophe.

Konflikte

Konflikte hemmen die Entwicklungschancen von Ländern, die ohnehin mit Armut und Mangel zu kämpfen haben, denn sie sind Auslöser für Hungersnöte, Vertreibung, gesellschaftliche Instabilität und wirtschaftlichen Niedergang.

Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) zählte 2012 insgesamt 396 Konflikte weltweit, darunter 43 hochgewaltsame Konflikte, also Auseinandersetzungen, die sich durch massiven Einsatz organisierter Gewalt gekennzeichnet sind und gravierende Folgen nach sich ziehen. Von diesen 43 erreichen 18 Konflikte die höchste Intensitätsstufe und werden als Kriege eingestuft.

Die Konflikte im Vorderen und Mittleren Orient fordern laut HIIK bei weitem die meisten Todesopfer. Allein in den fünf Kriegen in der Region – Syrien, Afghanistan, Irak, Türkei, Jemen – starben 2012 mindestens 65.000 Menschen, davon 55.000 allein im Bürgerkrieg in Syrien.

Afrika verzeichnet dagegen die höchste Anzahl an Kriegen weltweit. In Mali etwa führte der gemeinsame Vorstoß von Tuareg-Rebellen und islamistischen Kämpfern gegen die Regierung zu heftigen Kämpfen im Norden und hunderttausenden Flüchtlingen.

Katastrophentreibern gegensteuern

Ein extremes Naturereignis muss nicht automatisch zu einer Katastrophe werden. Dass es aber vor allem in Entwicklungsländern oft dazu kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Armut, mangelnde Bildung, soziale Benachteiligung, Bebauung katastrophenanfälliger Regionen, übermäßige Nutzung von natürlichen Ressourcen, fehlende rechtsstaatliche Strukturen und ein desolates Gesundheitssystem sind Gründe dafür, warum in Entwicklungsländern heftige Naturereignisse wie Erdbeben oder Wirbelstürme zu Katastrophen werden. Katastrophenvorsorge hat zum Ziel, diese Risikofaktoren und damit die Schadensanfälligkeit einer Gesellschaft zu reduzieren und die Menschen vor möglichen Gefahren durch extreme Naturereignisse nachhaltig zu schützen. Sie ist deshalb wichtiger Bestandteil der Entwicklungsarbeit der Bündnis-Mitglieder.

Armut verringern

Armut erhöht die Katastrophen-Anfälligkeit einer Gesellschaft, denn sie verschlechtert die Ausgangslage, um mit der Bedrohung durch extreme Naturereignisse fertig zu werden. Beispielsweise können stark unterernährte Menschen Krisen- und Dürrezeiten kaum überstehen. Dürren haben in Gebieten, in denen die Trinkwasserversorgung ohnehin unzureichend ist, häufig das völlige Versiegen der Brunnen zur Folge. Überschwemmungen verursachen Verunreinigungen des Trinkwassers oder der Nahrungsmittel durch Fäkalien, wo ohnehin keine Sanitärversorgung vorhanden ist. Arme sind zudem häufig gezwungen, in risikogefährdeten Zonen zu siedeln.

Eine arme Bevölkerung ist aus eigener Kraft kaum in der Lage, eine lokale Katastrophenvorsorge aufzubauen: Deichbauten gegen Überflutungen, eine solide und erdbebensichere Bauweise der Häuser, sturmresistente Dächer oder eine ausreichende Vorratshaltung von Nahrungsmitteln für die Zeiten einer Dürre – all diese Maßnahmen kosten viel Geld und sind von armen Gemeinden bzw. von armen Ländern kaum zu bezahlen.

Katastrophen, die über eine arme und verletzliche Bevölkerung hereinbrechen, multiplizieren die Mittellosigkeit der Menschen vor allem dann, wenn nicht für den Notfall vorgesorgt wurde. Gezielte Katastrophenvorsorge trägt deshalb zur Armutsreduzierung bei und ist wichtiger Bestandteil nachhaltiger Entwicklungsarbeit, wie sie die Mitglieds-Organisationen von Bündnis Entwicklung Hilft praktizieren.

Bildung fördern

Unzureichende Bildung erhöht das Katastrophenrisiko, dem eine Gesellschaft ausgesetzt ist. Wer dagegen gelernt hat, eine Bedrohung rechtzeitig zu erkennen Informationen auszuwerten und in Maßnahmen umzusetzen, ist besser in der Lage, sich zu schützen und das Katastrophen-Risiko zu minimieren. Kenntnisse über umweltschonende Anbaumethoden und das Wissen über die Wichtigkeit von Aufforstungsmaßnahmen sind beispielsweise unerlässlich, wenn Bauernfamilien in Hurrikan-Gebieten an Hängen, Flussufern oder an der Küste leben.

Informationen über mögliche Risikofaktoren und Weiterbildungen zu Selbsthilfemaßnahmen, die das Risiko im Vorfeld und im Notfall eindämmen können, verhelfen einer Gesellschaft zu einer Basis, auf der sie sich langfristig weiterentwickeln kann. Von Vorteil ist, wenn traditionelles, lokales Wissen und Erfahrungen mit technischem und empirischem Know-how kombiniert werden. 

Staatliche Verantwortung einfordern

Korruption, Klientelpolitik, eine ineffektive oder nicht vorhandene öffentliche Verwaltung: Schlechte Regierungsführung ist für den Katastrophenschutz und die Katastrophenbewältigung ein Risikofaktor. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Staaten mit starken Institutionen weit weniger Todesfälle nach extremen Naturereignissen aufweisen als solche mit schwachen oder nicht vorhandenen Institutionen.

In Staaten, die gemäß des so genannten „Failed States Index“ des „Fund of Peace“ als schwach bezeichnet werden, kann die Regierung grundlegende staatliche Aufgaben – etwa die Herstellung von Sicherheit, die Bereitstellung von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen oder die Gewährleistung von Rechtssicherheit – gegenüber der Bevölkerung nicht oder nicht mehr erfüllen. Viele dieser Staaten fungieren als reine „Abschöpfungsapparate“, bei denen der Großteil der verfügbaren finanziellen Mittel für das eigene Personal eingesetzt wird und nicht in gemeinwohlorientierte Entwicklungsprozesse fließt.

Die negativen Auswirkungen von schwacher Staatlichkeit auf die Bewältigungskapazitäten und die Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften an Naturgefahren sind immens. Zum Beispiel ist ein Staat mit schlechter Regierungsführung nur selten in der Lage oder willens, ein funktionierendes Katastrophenvorsorge-System aufzubauen. Korruption führt dazu, dass Bauvorschriften umgangen werden können, und mangelnde staatliche Einkünfte stehen der Durchführung von Aufklärungskampagnen und der Einführung von Frühwarnsystemen im Wege.

Sich für „Good Governance“, also für eine gute staatliche Steuerungsfähigkeit einzusetzen, ist deshalb ein wichtiger Aspekt nachhaltiger Entwicklungshilfe. Um zum Beispiel bei der Katastrophenvorsorge staatliche Strukturen zu stärken, achten die Mitgliedsorganisationen von Bündnis Entwicklung Hilft darauf, dass das Regierungshandeln nach Möglichkeit mit berücksichtigt und die lokale Bevölkerung mit Hilfe lokaler Partner-Organisationen (Link zu „Unser Hilfsansatz“) darin unterstützt wird, aktiv staatliches Handeln im Bereich Katastrophenvorsorge einzufordern.