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Tödliche Hilfe oder: Lektionen aus dem Wiederaufbau in Haiti

Als Hilfswerk der Entwicklungszusammenarbeit hat auch das Bündnis-Mitglied Misereor die Risiken und Fallstricke der Arbeit in komplexen und oft chaotischen Wiederaufbausituationen kennengelernt.

Von Heinz Oelers

Widerspruch einzulegen gegen den Dokumentarfilm „Tödliche Hilfe“ von Raoul Peck, einem renommierten haitianischen Filmemacher, fällt schwer. Seine Beobachtungen sprechen für sich und führen zu dem Schluss, dass die internationale Unterstützung nach dem Erdbeben im Januar 2010 zu einem großen Teil ein Misserfolg war. Peck macht die verhängnisvolle Logik, die hinter der Arbeit vieler ausländischer Hilfsorganisationen stehe, dafür verantwortlich, dass die wichtigsten Akteure, die Haitianer selber, von den bedeutendsten Entscheidungen ausgeschlossen waren.

Wiederaufbau wenig reguliert

Es ist schwer, ein generelles Urteil über Erfolg oder Misserfolg zu fällen. Es lässt sich aber feststellen, dass  nach dem Beben auf der riesigen Baustelle, die den größten Teil der Millionenstadt Port-au-Prince und umliegende ländliche Regionen umfasst, der Wiederaufbau wenig reguliert und schlecht kontrolliert stattfand und dass viele schlechte neben auch  guten Beispielen zu finden sind. Welche Motive diejenigen Institutionen und Personen bewegten, die  nach dem Beben beim Wiederaufbau aktiv waren, und  welche Interessen mit ihren materiellen Beiträgen bedient werden sollten, ist ebenfalls kaum zu beantworten.

Als Hilfswerk der Entwicklungszusammenarbeit hat auch das Bündnis-Mitglied Misereor die Risiken und Fallstricke der Arbeit in komplexen und oft chaotischen Wiederaufbausituationen kennengelernt. Misereor führt in armen Ländern der Welt generell keine eigenen Projekte durch, sondern kooperiert nur mit einheimischen Organisationen. Dieses Arbeitsprinzip unterscheidet sich grundlegend vom Ansatz derjenigen, die als ausländische Organisationen in solchen Ländern selber Projekte abwickeln. Im ländlichen Umfeld von Port-au-Prince hat Misereor Projekte mit der bäuerlichen Bevölkerung zu einem Schwerpunkt seiner Hilfe gemacht. Mindestens 1.000 Häuser, so die Vereinbarung mit den Partnerorganisationen, sollten gebaut oder repariert werden. In der Hauptstadt waren keine ausreichenden Voraussetzungen für den Wiederaufbau von Wohnraum gegeben: städtebauliche Planungen zur Infrastruktur fehlten gänzlich, Baunormen waren nicht definiert,  Eigentumsverhältnisse  nicht geklärt. Überdies: Viele der mehr als eine Million Obdachlosen waren nicht Wohnungseigentümer, sondern Mieter. Der Bau von provisorischen Unterkünften, so die Erfahrung bei Misereor, stellte keine Alternative dar. Einfache  Behausungen aus Holzbrettern oder Plastikbahnen werden leider schnell zu Dauereinrichtungen, sie nehmen den Druck von den Verantwortlichen, sich für langfristige Lösungen einzusetzen. Heute, fünf Jahre nach dem Erdbeben, belegen neue  Elendssiedlungen am Stadtrand von Port-au-Prince wieder einmal die Untauglichkeit dieser Strategie.

Fünf Partnerorganisationen trafen sich im September 2010, neun Monate nach dem Erdbeben, um mit Misereor die letzten Absprachen vor dem Baubeginn zu treffen. Der Caritasverband einer Diözese, zwei Bauernorganisationen und zwei lokale Fachorganisationen für Landwirtschaft.  Keine dieser Partnerorganisationen hatte Erfahrungen mit Wohnbau, aber alle stützten sich auf detaillierte Ortskenntnisse und Beziehungen zu den betroffenen Menschen. Fachkräfte für Wohnbau und Regionalverantwortliche von Misereor legten die Details des Arbeitsvorschlags auf den Tisch, der vorher schon mehrfach diskutiert worden war. Die Reaktion war ernüchternd. Grundlegende Zweifel, die wir glaubten, im Vorfeld beseitigt zu haben,  wurden wieder geäußert.

Flexibel und im lokalen Kontext

Die ursprünglich vereinbarte Strategie, sich auf eine kleine, später eigenverantwortlich erweiterbare Grundeinheit von 22 Quadratmetern zu beschränken, wurde in Frage gestellt. 22 Quadratmeter seien zu klein, hieß es, unwürdig, mindestens 35 Quadratmeter sollten es sein, so wie andere Hilfsorganisationen es realisierten. Unser Konzept, das vorsah,  möglichst viele Menschen mit einer „kleinen“ Lösung statt wenige Familien mit einer „großen“ Lösung zu unterstützen,  stellte sich aus anderen  Perspektiven nicht als optimale Lösung dar. Dabei sollten  lokale Materialien (Sand, Erde, Steine, Holz) je nach Verfügbarkeit verwendet und kein Einheitsmodell gebaut werden. Die Gebäude sollten flexibel dem jeweiligen Bedarf und lokalen Kontext angepasst werden.

Andere Hilfsorganisationen setzten auf die große Lösung, mit Kosten von mindesten 8.000 Euro pro Haus unter Verwendung von „modernen“ Materialien wie Beton und Betonsteinen. Der einheitliche Haustyp erlaubte eine einfache Finanzkalkulation, die Grundrisse und konstruktiven Merkmale des Modells konnten am Schreibtisch erarbeitet werden.  Die Vorteile lagen scheinbar auf der Hand: Übersichtliche Kosten, ein geringer Aufwand  für Vorbereitung und Begleitung der Baumaßnahmen sowie einfache Planung und Kontrolle.  Die relativ hohen Kosten pro Wohneinheit stellten dabei kein prinzipielles Problem dar. Im Gegenteil: Der Druck von außen auf die Hilfsorganisationen, möglichst schnell einen möglichst hohen Teil der für Haiti gespendeten Gelder umzusetzen, begünstigte weder  die Suche nach den sparsamsten Lösungen noch die vorrangige Nutzung lokaler Materialien und die breite Beteiligung der betroffenen Bevölkerung.

Hohe Erwartungsdruck

Die lokalen, haitianischen Partnerorganisationen von Misereor wiederum sahen sich angesichts der weitreichenden Angebote anderer Hilfswerke einem hohen Erwartungsdruck der Bevölkerung ausgesetzt, möglichst komplette Lösungen und umfassende Hilfe anzubieten. Sie wollten nicht diejenigen sein, die eine höhere Beteiligung der Bevölkerung in Form von Mitarbeit und lokalem Material für ein kleineres Haus einforderten.

In dieser Gemengelage unterschiedlicher Interessen und Erwartungen besteht das Risiko, dass Helfende und Hilfsempfänger eine zweifelhafte Allianz eingehen. Die Betroffenen verweisen auf ihre Notlage und Bedürftigkeit, während die Hilfsorganisationen ihre großzügige Unterstützung mit der Hilflosigkeit der Menschen rechtfertigen. Das Ergebnis: Die Wahrnehmung der Betroffenen als handlungsunfähige Opfer wird verstärkt, die Helfer ziehen alle Initiative an sich, erscheinen als die entscheidenden Akteure des Wiederaufbaus, während die Betroffenen die Verantwortung an die Helfer abgeben in der Hoffnung auf größtmögliche Unterstützung. Am Ende wird man eine bestimmte Anzahl von Menschen – in diesem Fall mit neuem Wohnraum – versorgt haben. Die mit den lokalen Organisationen besprochene Leitidee, eben nicht nur punktuell direkt betroffenen Erdbebenopfern zu helfen, sondern einen Beitrag zur Verbesserung der generell prekären Wohnsituation zu leisten, hätte so nicht Wirklichkeit werden können. Statt Möglichkeiten zur Verbesserung des Wohnbaus zu schaffen, die auch ohne externe Hilfe möglich sein kann, wären einige wenige begünstigt worden: Spezifische Hilfe für Notleidende, aber keine Lösung für alle anderen.

Knapp 1.000 fertiggestellte Häuser

Die lange Diskussion an diesem  Septembertag wurde mit  dem entschlossenen Satz „Ich mache das jetzt!“ einer alten haitianischen Ordensfrau, Leiterin einer der beteiligten Organisationen,  beendet. Sie machte es! Mit den ersten Erfahrungen schwanden Unsicherheiten und Zweifel auch bei den anderen beteiligten Organisationen bis auf eine, die sich für  die Zusammenarbeit mit einer anderen Hilfsorganisation und für ein anderes Konzept entschied. Was nach fünf Jahren als fassbares Ergebnis bleibt, sind knapp 1.000 fertiggestellte Häuser, hunderte ausgebildete Handwerker und Familien, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben, und ein Wiederbeleben traditioneller Strukturen und der Gemeinschaftsarbeit.

Was wie ein gradliniger Weg erscheint, war in Wirklichkeit ein ständiger Prozess der Anpassung von Konzepten und Methoden, variiert von Region zu Region.  Ein wesentlicher Unterschied bestand zum Beispiel darin, dass die Reparatur im Projektverlauf größere Bedeutung bekam als der Neubau, selbst wenn vom alten Haus nicht mehr viel stehengeblieben war. Die Reparatur des „eigenen“ Hauses, so die Erfahrung von Misereor, schafft eine andere Identifikation der Eigentümer mit dem Gebäude als die Inbesitznahme eines Hauses, das quasi von der Hilfsorganisation „mitgebracht“ wird. Deutlich mehr Beachtung fand auch die Aktivierung der lokalen Wirtschaft durch das Bemühen, so viele Ressourcen wie möglich aus den lokalen ökonomischen Kreisläufen zu nutzen und dort zu belassen. Dies äußerte sich etwa durch die konsequente Inanspruchnahme lokaler Handwerker oder, in einigen Fällen, die Verwendung von Eseln statt von LKW für den  Materialtransport. Diese Lernprozesse setzen Flexibilität bei allen Beteiligten voraus, die Zeit, auch „langsame“ Lösungen zu akzeptieren und auch die Geduld, sich nicht unter zeitlichen Druck setzen zu lassen, der meist von außen auf Nothilfe- und Wiederaufbauprogramme ausgeübt wird und letztlich zu maximalem externen Ressourceneinsatz führt. Die Not der Helfer, ihre Effizienz nachzuweisen, scheint manchmal größer zu sein, als die der Betroffenen, möglichst schnell Hilfe zu bekommen. Erst neun Monate nach dem Erdbeben wurde mit dem Bau des ersten Hauses begonnen;  auch diese Trägheit des Prozesses setzt voraus, dass man Geduld hat, sich und allen Beteiligten die Zeit lässt, eigene Entscheidungen zu treffen. Wer diese Zeit nicht hat, eilt voraus und lässt andere zurück.


Heinz Oelers war beim katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor als Regionalreferent für Haiti tätig und ist aktuell Gruppenleiter in der Lateinamerika-Abteilung von Misereor
. Fotos: Florian Kopp, Misereor.