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Schule der Zukunft

Als die Erde zu beben beginnt und ihre Füße auf dem trockenen Boden des Hanggartens kaum noch Halt finden, ist die zierliche Jean Ezila Kenezo im sechsten Monat schwanger. „Ich wusste nicht, was da gerade passiert und habe vor Angst geschrien. Ich habe immer nur an meine Familie gedacht“, sagt die 47-Jährige. Die anderen Kinder, gerade sind die letzten aus der Schule nach Hause gekommen, retten sich rechtzeitig ins Freie - während das schwerste Erdbeben in der Geschichte Haitis mehr als 250.000 Menschen unter Trümmern begräbt.

Eine Reportage von Rebecca Struck, Fotos von Florian Kopp - Misereor

Wie durch ein Wunder bleibt die gesamte Familie Kenezo, bleiben die Menschen in Grand Boulage, einer Gemeinde in der kargen Berglandschaft 40 Kilometer nordöstlich von Port au Prince, an diesem Tag im Januar 2010 unversehrt. Die Schule der Gemeinde ist jedoch zerstört, ihre Mauern bis auf die Grundsteine eingefallen. „Vor Sorge, dass das Beben zurückkehrt, haben wir die ersten Nächte auf dem Platz vor der Kirche geschlafen“, erzählt Jean Ezila und dreht den goldenen Ehering an ihrer linken Hand nervös hin und her. Am Tag, im Schutz der alten Flammbäume oder in den Ruinen, werden die Kinder der Gemeinde provisorisch unterrichtet. Es fehlt an Platz und Materialien.

Fast fünf Jahre später macht Jean Ezila ihre Tochter Marie Josianne für die Vorschule fertig. Geduldig flicht sie dem Mädchen glänzende Stoffbänder in das schwarze Haar. Rote Schleifen aus Plastik zieren die sorgsam geflochtenen Zöpfe. Jean Ezila ist stolz auf ihr kleines Schulmädchen, „am liebsten singt sie“ sagt die Mutter, während Marie Josianne von dem hellblauen Plastikstuhl aufspringt und nach ihrem Rucksack greift. Dass sie heute in eine neue Schule gehen kann, ist das Ergebnis eines steinigen Wiederaufbauprozesses.

 „Meine Aufgabe war es hauptsächlich, Materialien wie Sisal, Erde für die Spachtelmasse und Steine für den Sockel und die Wände herzubringen und einzuarbeiten“, erklärt Menol, der Vater der vierjährigen Vorschülerin. Er streicht mit den langgliedrigen Fingern immer wieder über die kleine Bruchsteinmauer, die das bunte Gebäude der Vorschule umgibt. Auf 276 Quadratmetern sind drei Klassen für Kinder von drei bis sechs Jahren und ein Verwaltungsraum entstanden, seit September findet in der Vorschule der Unterricht statt. Aus einem Klassenraum tönt das Alphabet, bunte Zeichnungen und Bänder schwingen an der Veranda im Wind. Die Holzstreben und die Treppe ins Obergeschoss leuchten grell-grün, blau, gelb und orange. Hier und da sind sie, wie auch der Dachsims, mit feinen Zierleisten geschmückt. Ein bunter Farbfleck inmitten der Berglandschaft.

Traditionell haitianische Bauweise

Die „Schule der Zukunft“ in Grand Boulage ist ein Pilotprojekt. Alles an und in der Vorschule wurde innerhalb der Gemeinde, mit Eltern, Lehrern und Schülern, abgestimmt. Wenn möglich, wurde das Baumaterial lokal produziert und unter Anleitung in Eigenverantwortung verarbeitet. Wasser für die Spachtelmasse musste von dem abgelegenen Brunnen hunderte meterweit auf den Köpfen transportiert, tausende Steine an den steilen Hängen gesucht, in der Hitze zurecht geschlagen und in den Sockel eingefasst werden. Das Holz wurde auf Eseln über die holprige Serpentinen in den Ort geschafft, zugesägt, zu Rahmenkonstruktionen, Dachbalken oder den feinen Verzierungen verarbeitet. Ein Vorteil dieser traditionell haitianischen Bauweise: Lokale Materialien sind fast 30 Prozent günstiger als importiertes Material oder Zement. Zudem werden Gemeindemitglieder wie Menol handwerklich ausgebildet, um auch in Zukunft ähnliche Bauten umsetzen zu können. „Wir sind sehr stolz auf das Ergebnis“, sagt er, während sein Blick über die steinerne Fassade des Gebäudes wandert.

Dabei waren der 48-Jährige, der Ortspfarrer und viele andere Dorfbewohner zunächst skeptisch, als das Bildungsbüro der Diözese Port-au-Prince (BDE) und MISEREOR den Vorschlag machten, die Schule auf die traditionelle Weise wiederaufzubauen. „Die Menschen in Haiti haben nach dem Beben miterlebt, wie Hilfsorganisationen tausende Fertigbetonhäuser aufstellten“, erklärt BDE-Mitarbeiter Yves Mozart Réméus, während er auf einer alten Schulbank unter einem großen Flammbaum Platz nimmt. „Natürlich fragen sie sich da, warum sie selbst Steine klopfen, Holz zu sägen und Sand verarbeiten sollen.“ Beton ist auf Haiti außerdem noch immer beliebtes Symbol für Fortschritt und gesellschaftlichen Aufstieg.
Mehr als ein Jahr dauern schließlich die Gespräche zwischen dem Planungskomitee der Gemeinde, den zuständigen Architekten und dem BDE. Dass die Schule durch Elemente wie Steinsockel, Kreuzverstrebungen aus Holz und ein leichtes Blechdach besser gegen Beben und auch Stürme gewappnet ist, überzeugte schließlich auch Jean Ezila. Sie hat noch immer Angst, das Erdbeben könne zurückkehren nach Grand Boulage, nach Haiti und ihr Haus.

Wieder steht sie in dem Hanggarten zwischen Bohnenpflanzen, Süßkartoffeln und Mais. Seitdem ihr Ehemann Menol grünen Star hat und seinen Beruf als Lehrer an der Schule aufgeben musste, versorgt sich die Familie über die Parzelle, besitzt ein paar Kühe und Hasen. Der steinige und trockene Boden saugt das Wasser auf wie ein Schwamm, in einer Zisterne sammelt die Familie Regen für Obst und Gemüse. „Bleibt der aber in einer Dürrephase aus, müssen wir kämpfen“, sagt Jean Ezila und wischt sich in der brütenden Mittagssonne den Schweiß von der Stirn. Dazu komme das Schulgeld für fünf Kinder, für die Uniformen von Marie Josianne und ihren Geschwistern. „Aber wir tun alles dafür, dass unsere Kinder zur Schule gehen können, damit ihnen alle Möglichkeiten offen sind. Sie sollen später keine Angst um ihre Zukunft oder ihre Familien haben müssen“.

Interview: Zugang zu Bildung ist teuer

Drei Fragen zum Schulsystem des Landes an Jocelyne Colas Noel, Direktorin der Kommission Justice & Paix in Haiti, die sich für soziale Gerechtigkeit, Sicherheit und die Rechte der Bevölkerung einsetzt.

Wie ist der Zugang zum Bildungssystem in Haiti?

Jocelyne Colas Noel: Es gibt nur rund 20 Prozent staatliche Schulen, das macht - mit Ausnahme von der Hauptstadt Port-au-Prince - eine öffentliche Schule pro Kommune. Der Rest unserer Schulen ist in privaten Händen. Der Zugang zu Bildung ist daher in Haiti ein großes Problem, denn die Privatschulen sind wiederum sehr teuer. Viele Haitianer haben aber kein Geld, diese Schulen zu bezahlen. Sie sind arbeitslos oder leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Hinzu kommt das Problem der Qualität des Unterrichts.

Welche Probleme gibt es hinsichtlich der Unterrichtsqualität?

Jocelyne Colas Noel: Es fehlt an Fortbildungen für die Lehrer, an Unterrichtskontrollen, oftmals aber auch einfach am Mittagsessen für die Kinder. Da es sehr wenige öffentliche Schulen gibt, gehen schnell 60 bis 100 Kinder in nur eine Klasse. Zudem stammt die letzte Bildungsreform aus der Ära Bernard, das war 1979. Seither hat sich nichts geändert, vor allem wird, so finde ich, die Landessprache Kreol noch immer nicht richtig in den französischsprachigen Unterricht integriert. Es ist doch so: Die Kinder reden Kreol im Alltag, sie denken und reflektieren auf Kreol. Es geht darum, dass sie Inhalte verstehen – und nicht bloß wiederholen. In Deutschland wird der Unterricht doch auch erst einmal in der Muttersprache gehalten. Die Regierung macht jedoch nicht den Anschein, irgendetwas an diesen gravierenden Problemen ändern zu wollen.

Es gibt staatliche Programme, um den Ärmsten Unterricht zu ermöglichen…

Ja, eines ist beispielsweise die „Gratisschule“– aber diese Programme stehen unter großer Kritik. Es geht dabei um Vorwürfe von Korruption, dass die Lehrer nicht ausreichend bezahlt und erst gar keine Unterrichtsmaterialien angeschafft werden. Das viele Geld, das der Staat angeblich in diese Programme steckt, kommt bei den ärmsten Kindern Haitis einfach nicht an.