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10 Jahre nach dem Tsunami 2004

Mitglieder des Bündnis Entwicklung Hilft blicken zurück und berichten über ihre Hilfsmaßnahmen damals und heute.

 

 

Sri Lanka: Zehn Jahre Tsunami, zehn Jahre Nothilfe – auf der Suche nach einer Heimat, die vorher schon verloren war

Von Thomas Seibert

Am 26. Dezember 2004 wurde Südasien von einem Seebeben heimgesucht, dem 230.000 Menschen zum Opfer fielen: damals die größte bekannte Naturkatastrophe der Geschichte. Obwohl medico in keinem Tsunami-Land Projektpartner hatte, entschieden wir uns nach Abstimmung mit dem People’s Health Movement, Nothilfe zu leisten. Wir taten das nicht nur wegen des Ausmaßes der Katastrophe. Wir ahnten, dass der Tsunami zur Bewährungsprobe jeder Form der Hilfe werden würde, auch der unseren.

Die ersten zwei Wochen

Auf Sri Lanka kostete der Tsunami 38.000 Menschen das Leben, weitere 500.000 Menschen verloren ihre Hütten und Häuser. Den Obdachlosen provisorische Unterkunft zu schaffen, war die erste Aufgabe der Nothilfe. Allerdings lebten zu dieser Zeit bereits 350.000 Menschen in meist sehr ärmlichen Lagern. Sie hatten ihre Heimat als Vertriebene des dreißigjährigen Bürgerkrieges zwischen der singhalesisch- buddhistischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilisch-hinduistischen Minderheit verloren. Trotzdem verlief die erste Phase der Nothilfe auf Sri Lanka deutlich besser als in allen anderen Ländern. Einheimische Hilfsorganisationen waren schnell vor Ort, niemand musste hungern, es gab keine Epidemien und keine Plünderungen. Die den Rebellen zugehörige „Tamil Rehabilitation Organisation“ (TRO) half singhalesischen Fischern ebenso sorgfältig wie das buddhistische Hilfswerk „Sarvodaya“ tamilischen Fischern beistand. In der Hauptstadt Colombo verabredeten Regierung und „Tamil
Tiger“-Rebellen eine gemeinsame „Post-Tsunami Operational Management Structure“ (P-TOMS), die sicherstellen sollte, dass die internationale Finanzhilfe angemessen verteilt würde. Knapp zwei Wochen nach dem Tsunami landeten über 300 ausländische Hilfsorganisationen auf der Insel und setzten sofort Budgets ungeahnten Ausmaßes um. Zwar geschah das oft guten Willens, doch fast immer ohne Kenntnis der Bürgerkriegsverhältnisse. Damit nicht genug: Viele ausländischen Helfer hatten keine Verbindungen, kein Personal, keine Infrastruktur. Also kauften sie Grundstücke und Büros, brachten ihre Jeeps ins Land und – ihre Konkurrenzen. Bald gab es Streit um zu betreuende „Begünstigte“, um Land, um Zugang zu Behörden und Personal. Deshalb zahlten viele der „Internationalen“ fünf, manche sogar zehn Mal so viel Lohn wie die einheimischen NGOs, von denen nicht wenige ihre Büros schließen mussten: sie verloren ihre Mitarbeiter oder wurden komplett übernommen. Die Regierung erklärte alle Strände zu Staatseigentum und untersagte den Flutvertriebenen die Wiederansiedlung aus „Sicherheitsgründen.“ Ein Handstreich zugunsten des nationalen und internationalen Tourismus, der die von den armen Fischerdörfern geräumten Gebiete leichthändig in Verwahrung nahm: Anfang eines „Booms“, der noch heute anhält. Die internationale Hilfe verlegte ihre Flüchtlingslager bereitwillig ins Landesinnere: Hilfe, so hieß es, sei auf Kooperation mit den Behörden verpflichtet und deshalb politisch strikt neutral.

Neutralität und Parteilichkeit

Wenn die „Tamil Rehabilitation Organisation“ und „Sarvodaya“ gleichermaßen tamilischen und singhalesischen Tsunami-Überlebenden beistanden, war das allerdings nicht der „Neutralität der Hilfe“ geschuldet, sondern dem 2002 geschlossenen Waffenstillstand. Seitdem waren die „Tamil Tiger“ im Norden und Osten de facto Staatsmacht, Sri Lanka auf dem Weg in eine noch auszugestaltende Doppelstaatlichkeit. Weil das „P-TOMS“-Abkommen diesen Prozess vertieft hätte, wurde es gezielt zu Fall gebracht. Beide Seiten verletzten jetzt den immer brüchigeren Waffenstillstand. Als im November 2005 ein neuer Präsident gewählt wurde, nötigten die „Tiger“ die meisten Tamilen zum Wahlboykott und trugen so zum Sieg des singhalesischen Hardliners Mahinda Rajapaksa bei. Vom People’s Health Movement gut beraten, hatte medico die in solcher Lage besten Partner gefunden: Tamilen und Singhalesen, die keiner der beiden Bürgerkriegsparteien verbunden und trotzdem nicht „neutral“ waren.

Während sich viele internationale NGOs auf Wellblechdörfer für Tsunami-Überlebende beschränkten und die manchmal nur wenige Hunderte Meter entfernten Zeltlager der Kriegsvertriebenen einfach ignorierten, ermöglichte der tamilische medico-Partner SEED Flut- und Kriegsopfern einen gemeinsamen Neuanfang. Während der militärische Konflikt eskalierte, beteiligte sich SEED an der vom singhalesischen medico-Partner „Movement for National Land and Agricultural Reform“ (MONLAR) initiierten „People’s Planning Commission“ (PPC). Der landesweite Zusammenschluss von Graswurzel- und Basisgruppen protestierte im Süden wie im Norden gegen die Vertreibung der
Fischer von den Stränden. „Gelingt es uns nicht, den Überlebenden des Tsunami und des Krieges das Land zu sichern, das sie für ein besseres Leben brauchen“, sagte uns der MONLAR-Gründer Sarath Fernando, „dann hat auch der Frieden keine Chance. Neutralität können wir uns gar nicht leisten.“

Der Kessel von Mullaithivu

Es dauert nicht einmal zwei Jahre, bis Saraths Warnung sich bewahrheitete. Zu dieser Zeit hatten die meisten ausländischen Hilfsorganisationen die Insel längst verlassen. Die singhalesische Armee schloss die tamilischen Gebiete von allen Seiten ein und trieb die „Tamil Tiger“ samt einer täglich wachsenden Zahl von Flüchtlingen auf die Ostküste zu. Die „internationale Gemeinschaft“ sah dem tatenlos zu: der Krieg auf Sri Lanka war ein Feldzug mehr im weltweiten „Krieg gegen den Terror.“ Als die Rebellenhauptstadt Kilinochchi fiel, rief auch die UN ihre Helfer – und damit die letzten Zeugen zurück. Die Armee hatte jetzt freie Hand und schloss die letzten Rebellen und Hunderttausende von Flüchtlingen nahe dem Küstenort Mullaithivu ein. Nur drei Jahre zuvor hatte der medico-Partner SEED genau dort sein größtes Wiederansiedlungsprojekt eröffnet – ein Dorf für flutvertriebene Fischer und kriegsvertriebene Bauern. Was damals aufgebaut wurde, haben Tausende Menschen auf verzweifelter Flucht wieder niedertrampeln müssen. Drei furchtbare Monate blieben die Flüchtlinge im „Kessel von Mullaithivu“, nach UN-Schätzungen starben in dieser Zeit 40.000 Menschen. Nach dem Ende des Krieges am 19. Mai 2009 legten die Sieger im Landesinneren den Lagerkomplex „Manik Farm“ an und internierten dort 300.000 Überlebende. Vor dessen Toren bezogen die SEED-Aktivisten zwei einfache
Hütten. Tag für Tag versuchten sie, im Lager Lebensmittel zu verteilen, einfachste medizinische Hilfe und psychosoziale Unterstützung zu leisten: nicht jeden Tag ließen die Wachen sie passieren. Als Manik Farm 2011 geschlossen wurde, gründete SEED mit medico-Hilfe neue Flüchtlingsdörfer, in einem Land, in dem seitdem auf fünf Tamilen je ein singhalesischer Bewacher kommt.

Sri Lanka Advocacy

Zehn Jahre nach dem Tsunami ist Sri Lanka primär für Touristen von Interesse. Wo vor dem Seebeben Fischer siedelten, bieten Tourist Resorts heute Wellenreiten, Ayurveda-Kuren und scharfes Curry an. medico arbeitet noch immer mit den Partnern zusammen, die sich 2005 in der „People’s Planning Commission“ zusammenfanden. Das von medico koordinierte Netzwerk „Sri Lanka Advocacy“ streitet für die Aufklärung der Kriegsverbrechen aus der Zeit vor und nach dem Tsunami: den Kriegsverbrechen der 2009 ausgelöschten „Tamil Tiger“ und denen der Regierung, die noch immer im Amt ist.
Sarath Fernando, Gründer von MONLAR, ist am 7. September 2014 gestorben, er wurde 72 Jahre alt. Kurz vor seinem Tod zur Jubiläumsfeier der singhalesischen Universität geladen, an der er einst der Studentenbewegung beitrat, rief er ungefragt zu Spenden auf, für ein autonomes Wiederansiedlungsprojekt kriegsvertriebener tamilischer Bauern im Norden. Drei Millionen srilankischer Rupien kamen zusammen, etwas mehr als 18.000 Euro. Natürlich reicht das nicht, um Armut und Gewalt zu beseitigen. Aber Neutralität, das wusste Sarath besser als viele andere, können wir uns gar nicht leisten.

Kern der Arbeit des medico-Partners SEED sind Projekte, in denen Flüchtlinge und Vertriebene versuchen, sich wieder zu einer selbstbestimmten Gemeinde zusammenzufinden. So zielt ein laufendes Projekt auf den Aufbau einer dörflichen Infrastruktur für 195 Familien, die durch den Bürgerkrieg mehrfach vertrieben worden sind und in ihre Heimatgemeinden Chemamadu und Kallikulam zurückgekehrt sind. Im Rahmen des Projekts werden Wohnhäuser, Schulen und Brunnen gebaut, Ackerflächen angelegt und eine Gesundheitsstation etabliert. Ziel ist es, dass die Menschen ihre Grundbedürfnisse dauerhaft aus eigener Kraft befriedigen und ein Leben in Würde führen können.

 

 

Gestatten: Tsunami

Von Bastian Strauch, Kindernothilfe-Redakteur

Vor zehn Jahren verursachte ein Seebeben im Indischen Ozean eine der schwersten Katastrophen der jüngeren Menschheitsgeschichte: Ein Tsunami traf 13 Länder in Asien und Afrika, tötete 230.000 Menschen und machte 1,7 Millionen obdachlos. Die Kindernothilfe leistete unter anderem in Indien Katastrophenhilfe für die Ärmsten der Betroffenen und verband sie mit langfristiger Entwicklungshilfe. Wie diese Verbindung gewirkt hat und wie es den Menschen heute geht, erfahren Sie in unserer Reportage.

Einsam und abgerissen baumelt er in der Brise, die vom Indischen Ozean herüberweht. Hin und her. Tag und Nacht. Seit zehn Jahren. Unbeobachtet. Was sonst noch von Menschen zeugt, bleibt still und starr. Zertrümmerte Gemäuer unter Palmen, ein Fischerboot im Unterholz, geköpfte Götter-Statuen in den Resten eines Hindu-Tempels. Nur dieser eine gelbe Strick, der von der Decke einer verwaisten Veranda hängt, findet keine Ruhe. Er trug die Schaukel eines Neugeborenen. Bis zum Morgen des 26. Dezember 2004. Dann türmte sich das Meer auf und brach in mehreren gigantischen Wellen über die Veranda und weite Teile der indischen Ostküste hinein. Die Bewohner der winzigen Halbinsel Thittu im Bundesstaat Tamil Nadu waren nicht gewarnt, hatten keine Chance zu fliehen. Am Nachmittag wurden ihre toten Körper an der ein Kilometer entfernten Festlandküste geborgen. Seitdem ist Thittu ein unbewohntes Sperrgebiet, das man nur mit Sondergenehmigung betreten kann. Einer der wenigen Orte, die den Schrecken der Tsunami-Katastrophe konserviert haben.

Die meisten anderen Gebiete Indiens, in denen die Meeresflut 16.000 Menschen tötete und 650.000 obdachlos machte, offenbaren heute kaum noch sichtbare Spuren. Im Dorf Chinnakaramedu, unweit von Thittu, ertönt aber eine hörbare Spur – und die gibt Rätsel auf. „Tsunami!“, ruft eine Frau aus ihrem Haus heraus. „Tsunaaami!“ Erstaunlich still bleibt es daraufhin. Keine Panik, kein Sachenzusammenpacken, kein Fliehen. Dann folgt doch noch eine Reaktion: Ein kleines Mädchen kommt durch die Tropendämmerung herbeigelaufen, wirbelt mit seinen Schritten den sandigen Boden auf und verschwindet im Haus.

"Ich wollte dem Wort den Schrecken nehmen"

In dem Haus bringt die Frau langsam Licht ins Dunkel. „Bis vor zehn Jahren kannte ich das Wort Tsunami nicht einmal“, sagt Jaya. „Nach dem 26. Dezember 2004 hörte man aber überall lange Zeit nur nur noch: Tsunami, Tsunami, Tsunami.“ Und jedes Mal stellten sich die Haare auf. „Ich war aber auch glücklich, denn wir hatten überlebt.“ Ihr fünfjähriger Sohn Madan, ihr Mann Maya, das ganze Dorf – und vor allem: ihre Tochter, die sie damals im Bauch trug. „Ich wollte, dass sie Tsunami heißt“, erzählt die Mutter und streicht der Neunjährigen übers Haar, „um diesem Wort endlich den Schrecken zu nehmen und einen Neuanfang zu machen.“

Thittu: Verlorenes Paradies

Vielerorts werden Dalits noch gezwungen barfuß zu laufen.
Auch ihr Mann hatte noch nie etwas von einem Tsunami gehört - und noch nie so etwas gesehen wie an diesem zweiten Weihnachtstag. „Ich war früh am Strand, um zu arbeiten“, erinnert sich Maya. „Dann sah ich in der Ferne diese riesige Wand aus Wasser. Alle guckten, diskutierten. Ich aber stieg sofort auf mein Mofa, fuhr ins Dorf und schrie: ,Das Meer, es kommt, alle weg‘.“ Und alle ließen alles zurück und liefen, liefen, liefen. Einen Kilometer, bis das Wasser kam, ihre Anhöhe blieb zum Glück trocken. „Das Meer war so tief schwarz, wie ich es vorher noch nie gesehen habe, voller Bäume, Müll und Trümmer.“ Noch heute schweift Mayas Blick ungläubig in die Ferne, wenn er davon erzählt. „Dann zog es sich zurück und kam noch einmal, mit noch mehr Bäumen, Müll und Trümmern - diesmal schwammen auch Leichen darin."

"Wir sind Dalits"

Kanni Koil, die alte Siedlung von Jaya und Maya, wurde wie Thittu einfach weggeschwemmt und mit ihr all die wenigen Habseligkeiten, die die rund 150 Bewohner hatten. Vom Haus der Familie blieb einzig eine Wand stehen, und sie tut es bis heute. Die Familie selbst stand vor dem Nichts. Und dieses Nichts wurde auch nicht kleiner, als die vielen Hilfsgüter ankamen. Im Gegenteil. Es wurde so groß, dass es ihr Leben bedrohte. „Einige Monate haben wir in einem Flüchtlingslager gelebt“, schaltet sich Sohn Madan ein. „Ich weiß noch, dass ich immer Hunger hatte und mir große Sorgen machte um meine Schwester im Bauch meiner Mutter. Wir haben im Lager nichts zu essen bekommen, das mussten wir uns außerhalb besorgen.“ Was für den damals Fünfjährigen kaum verständlich war, erklärt sein Vater in drei Worten: „Wir sind Dalits.“
 
Dalits sind eine Gruppe von Ureinwohner-Nachfahren Indiens und mit weiteren stellen sie 25 Prozent der Bevölkerung. In der 3.000 Jahre alten Kastengesellschaft gelten sie als unrein und unberührbar, da sie nach hinduistischer Mythologie nicht wie die Gruppen der Priester, Krieger, Händler und Handwerker aus dem Urmenschen Purusha hervorgegangen sein sollen. Dalits stehen nach dieser Vorstellung außerhalb der menschlichen Gesellschaft, müssen seit jeher die niedrigsten Arbeiten wie Kotentsorgung verrichten und sind Freiwild für jegliche Art von Gewalt und Ausbeutung.

Es gibt noch viel zu lernen

Zementiert wird das System durch unzählige Regeln: Dalits dürfen etwa nur bestimmte Wege (und diese nur barfuß) nutzen und auf keinen Fall mit höheren Kasten essen oder in sie hineinheiraten - bei Missachtung droht martialische faustrechtliche Bestrafung. Auf der anderen Seite muss sich ein „Höherstehender“ reinwaschen, wenn er auch nur den Schatten eines Dalits berührt. Obwohl das System qua Verfassung abgeschafft und vor allem in den Städten aufbricht, lebt es in vielen ländlichen Gegenden in aller Brutalität weiter. Jeden Tag werden in Indien noch immer: zwei Dalits getötet, vier Frauen vergewaltigt und ein Dalit gekidnappt. Nur die schlimmsten Fälle, etwa dass ein Fünfjähriger auf einen brennenden Müllhaufen geworfen wird, weil er einen „verbotenen“ Weg nutzt, erreichen über die Presse das Licht der Öffentlichkeit. Auch wenn der indische Staat etwa mit Quotenregelungen für Ämter gegen die Diskriminierung vorgeht, reicht sein Arm oft nicht einmal bis in die eigenen Einrichtungen. Misshandlungen von Dalit-Schülern durch Lehrer sind weiterhin an der Tagesordnung.
 
Die religiös begründete Ungleichheit bleibt vor allem auch durch ein profanes Problem bestehen, auf das indische Politik noch wirksame Antworten finden muss: Viele Dalits leben in absoluter wirtschaftlicher Abhängigkeit von den höheren Kasten. Sie besitzen kein Land, waren lange von Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen und kaum mobil. Bis heute werden Daits in ein Leben hineingeboren, in dem sie nur die Möglichkeit haben, als Leibeigene auf den Äckern und in den Haushalten der höheren Kasten zu schuften. Eine bittere Ironie in der größten Demokratie der Welt und eine schmerzliche Lektion für die globale Demokratie-Entwicklung: Es gibt noch viel zu lernen und zu tun, damit die zarten Pflänzchen der Freiheit und Gleichheit in Gesellschaftsmodellen wie dem Kastensystem Wurzeln schlagen können.

"Wir waren unendlich dankbar"

Die Unterdrückung der Dalits setzte sich auch nach dem Tsunami in den Flüchtlingslagern und bei der Verteilung der Hilfsgüter fort. „Bis die Leute von Sasy kamen“, so Jaya. Sasy (Social Awareness Society for Youths), eine indische Partnerorganisation der Kindernothilfe, arbeitet mit kindzentrierten Entwicklungsprojekten und Lobbyarbeit seit 1983 für die Gleichberechtigung von Dalits. „Die generelle Notversorgung in den Lagern war ja gut dank der großen Spendenbereitschaft in aller Welt“, erzählt Pandiyan, der Direktor von Sasy. „Wir haben damals aber schnell mitbekommen, dass selbst in größter Not die Dalits nicht gleichbehandelt werden. Deshalb haben wir unsere Hilfsgüter nicht vor dem Flüchtlingslager abgegeben, sondern sie hineingebracht und den Dalits in die Hand gegeben.“

"Wir waren unendlich dankbar“, so Jaya. „Noch dankbarer waren wir aber, dass das noch nicht das Ende der Hilfe war.“ Was hätten sie denn gemacht, wenn Sasy sich nach der Notversorgung zurückgezogen hätte? „Wir hätten wohl getan, was wir seit Generationen tun, um zu überleben“, meint die 38-Jährige. „Ein neues Dorf suchen, wo wir bei höheren Kasten Arbeit finden. Dann hätten wir uns dort niedergelassen, abgeschottet im abgelegensten Teil des Dorfes, geschuftet und all die Unterdrückung erduldet.“ Es sei wie ein unsichtbarer Strick, den die höheren Kasten um ihre Hälse schnürten. Ziehen die Dalits daran, zieht sich die Schlinge zu, kappen sie ihn, fürchten sie, nicht weiterexistieren zu können. „Weil wir nie ein anderes Leben kennengelernt haben“, sagt Jaya. Und bei der nächsten Naturkatastrophe? „Hätten wir wohl wieder alles verloren und wären abermals weitergezogen.“

"Das war eine Revolution für uns"

Nach der akuten Notphase halfen die Kindernothilfe und Sasy den Dalits dann aber, den unheilvollen Strick zu lösen und unabhängige Wege zu beschreiten - zunächst mit einem Wiederaufbau-Projekt und dann mit einem langfristigen Projekt zur Gemeinwesen-Entwicklung. „In einem wenig besiedelten Agrargebiet in der Nähe von Kanni Koil und in sicherer Entfernung von der Küste erwarben wir mit Spendengeldern der Kindernothilfe Land, errichteten darauf eine neue Siedlung mit festen Steinhäusern und übergaben sie an die Dalits“, erzählt Pandiyan von Sasy. „Das war eine Revolution für uns“, lacht Jaya. „Zum ersten Mal hatten wir Land und Besitz, etwas, auf das wir ein eigenes, ganz anderes Leben aufbauen konnten. Wir waren frei, unabhängig von einer Dorfgemeinschaft, die uns unterdrückt und alles vorschreibt, wir hatten keine Angst mehr vor Vertreibung und Übergriffen.“
 
Damit war aber erst der Anfang gemacht. „Der Schritt in die Freiheit war auch einer ins Ungewisse“, so Maya. „Wir mussten andere Wege des Wirtschaftens erkunden, aber den meisten von uns fehlten dazu wichtige Grundlagen. Lesen, Schreiben und Rechnen konnten die meisten nur unzureichend, und kaum jemand war handwerklich, geschweige denn betriebswirtschaftlich ausgebildet.“ Und noch etwas anderes sehr Zentrales fehlte den Dalits für ein freieres Leben: Selbstvertrauen. „Wir mussten lernen, an uns selbst zu glauben: dass wir auch etwas anderes tun können als das, was Dalits schon immer getan haben; dass wir uns nicht alles gefallen lassen müssen; und dass wir vom Staat unsere Rechte einfordern können.“

„All das haben wir uns in den Selbsthilfegruppen erarbeitet, die von Sasy mit vielen wirtschaftlichen, sozialen und poltischen Workshops begleitet wurden“, so Jaya. Einige Frauen und Männer haben schließlich kleine Geschäfte wie etwa Schneidereien aufgebaut, deren Produkte so gefragt sind, dass sie sie auch an höhere Kasten in anderen Dörfern verkaufen. Andere haben Jobs gefunden, die traditionell nicht von Dalits ausgeführt werden. „Mein Mann und ich etwa arbeiten derzeit auf einer Baustelle eines Kraftwerks“, berichtet Jaya. „Und: Wir geben nun auch ordentlich Kontra, wenn Leute aus anderen Kasten uns ausnutzen wollen."

Der Weg aus der Diskriminierungsfalle

Auf diese Weise hat das Dorf nicht nur aus der Armut, sondern auch aus der Diskriminierungsfalle gefunden. Denn die vermeintliche Schwäche der Unterdrückten, die eine scheinbare Naturgegebenheit der Ungleichheit suggeriert hatte, wich großer Stärke. „Die Menschen haben uns mit anderen Augen gesehen“, weiß Jaya noch genau, „sie haben begonnen, uns anders zu behandeln, brachen ein Kasten-Tabu nach dem anderen. Erst tranken sie unseren Tee, dann kamen sie in unsere Häuser, um Tee zu trinken - und schließlich luden sie uns sogar in ihre Häuser ein, um mit ihnen zu essen.“ Was zusammengefasst so einfach klingt, sei ein beschwerlicher Weg gewesen - man stelle sich nur vor, wie viel Mut man aufbauen muss, um Ängste und Machtgefüge zu bekämpfen, die seit 3000 Jahren das kollektive Gedächtnis und den individuellen Alltag prägen. Es habe sich aber gelohnt. Die kleine Tsunami sagt sogar: „Ich habe so gut wie nie Diskriminierung erlebt.“
 
Das haben Tsunami und die anderen Kinder im Dorf aber nicht nur der Emanzipation ihrer Eltern zu verdanken, sondern auch sich selbst. Sasy richtete auch Kindergruppen ein, in denen die Mädchen und Jungen nachmittags betreut werden, Hausaufgaben machen können und vor allem: ihre Talente und Stärken entfalten können. „Zuerst war das für uns Eltern einfach eine Entlastung“, so Jaya. „Bis dahin haben wir die Kinder oft nicht zur Schule geschickt, sondern sie mit zur Arbeit genommen, da wir nicht wussten, wohin mit ihnen nach dem Unterricht.“
 
Nachdem die Kinder einige Monate in den Nachmittagsgruppen gewesen seien, hätten die Eltern sie ganz anders wahrgenommen: „Da standen jetzt starke Persönlichkeiten vor uns, sehr begabte Tänzer oder Sänger. Unsere Kinder haben in der Schule Schreib-, Lauf- oder Malwettbewerbe gewonnen - das hat es zuvor noch nie gegeben.“ Jaya muss zugeben: So wie die höheren Kasten die Dalit-Erwachsenen unterschätzt haben, haben die Dalit-Erwachsenen ihre Kinder unterschätzt. Und dann hat Jaya vergangenes Jahr sogar etwas getan, wovon sie zuvor noch nicht mal zu träumen gewagt hatte: Sie konnte ihre älteste Tochter zum weiterführenden College schicken, um Englisch und Tamil zu studieren. Denn sie hat sich durch ihre hervorragenden schulischen Leistungen ein staatliches Stipendium erarbeitet. Das will Tsunami ihrer Schwester natürlich nachmachen. „Aber“, so sagt sie, „ich will Ingenieur werden.“

Sie konnten sogar selbst Humanitäre Hilfe leisten

Und die Stärke, die sie in den vergangenen zehn Jahren entwickelt haben - hat sie eigentlich auch geholfen, die Schrecken des Tsunamis zu verarbeiten? „Das war auch nicht leicht, aber wir haben es geschafft“, sagt Jaya. „Viele Jahre hatten wir so große Angst vor dem Meer, dass wir es nicht einmal ansehen konnten. Mittlerweile gehen wir wieder mit den Füßen rein.“ Dann korrigiert Sohn Madan sie aber: „Wir Jugendlichen, die damals noch klein waren, gehen sogar wieder baden.“ Ihnen hatten die Kindernothilfe und Sasy damals mit besonderer psychosozialer Betreuung geholfen, das Trauma zu überwinden.
 
Eine Kaste bricht auf: Bis zur wirklichen Gleichberechtigung von Dalits ist es aber noch ein weiter Weg.
Ebenfalls mit Bravour überwunden hat das Dorf eine weitere Naturkatastrophe, die sie 2011 traf. Ein Zyklon wütete eine Nacht und einen Tag, rasierte fast alle Bäume weg und vernichtete ganze Ernten. „Unsere Häuser, unser Hab und Gut und wir selbst blieben aber alle unbeschadet“, so Jaya, „wir hatten in unseren Selbsthilfegruppen auch gelernt, wie wir uns schnell alle gegenseitig informieren und mit welchen Maßnahmen wir uns vor welchen Katastrophen schützen können. All das hat im Ernstfall bestens funktioniert.“ Diese Sicherheit hätte auch den Kindern sehr geholfen. „Wir hatten schon Angst“, sagt Tsunami, „aber als der Wind weg war und die Sonne wiederkam, gingen wir raus und machten drei Dinge: Erst spielten wir im Wasser, dann halfen wir, das Dorf aufzuräumen und dann setzten wir neue Samen.“ Sogar Humanitäre Hilfe konnten die Selbsthilfegruppen leisten, erzählt Jaya: „Dalits aus anderen Dörfern, die wieder alles verloren hatten, halfen wir mit Teilen unserer Ersparnisse, damit sie ihre Häuser wieder aufbauen konnten.“

In einem Jahr wird das Gemeinwesenprojekt, das nach dem Tsunami gestartet und noch 50 weitere Dörfer in der Region umfasst, enden. Ob Jaya, Maya, Madan, Tsunami und ihr Dorf Sorgen davor haben? „Nein“, sagt Jaya. „Das Band zu Sasy und der Kindernothilfe ist ein Gutes, das uns aus Armut, Elend und Diskriminierung herausgeführt hat. Aber wir sind jetzt so stark, dass wir uns auch davon frei machen können, denn: Wir sind Dalits.“

 

 

Der Tsunami 2004 – ein Schock für die Welt

Von Simone Pott, Pressesprecherin

Zehn Jahre ist es her, dass ein Tsunami ganze Küstengebiete Asiens ausradierte und 230.000 Menschen in den Tod riss. Am 26. Dezember 2004 lernte die Welt das japanische Wort Tsunami kennen, das übersetzt "Hafenwelle" heißt: Nach einem Seebeben im Indischen Ozean breiteten sich innerhalb von wenigen Minuten Flutwellen aus, die in Küstennähe bis zu 40 Meter hoch anstiegen. Nach offiziellen Angaben starben mehr als 230.000 Menschen, 1,7 Millionen wurden obdachlos.

Die Opfer des Tsunami brauchten schnelle und effektive Hilfe

Bereits wenige Stunden nachdem die ersten Riesenflutwellen auf die Küstengebiete trafen, starteten Welthungerhilfe-Mitarbeiter aus unseren Projekten in den betroffenen Regionen in Indien, Sri Lanka und Indonesien mit der Vorbereitung der Nothilfe. 24 Stunden später waren die Mitglieder des Nothilfeteams der Welthungerhilfe aus Bonn vor Ort. 

Unsere sofortige und langfristige Unterstützung (2004 - 2009)

Nach dem Tsunami leisteten wir schnelle Nothilfe. In Indien, Sri Lanka, Indonesien und Thailand versorgten wir zunächst 180.000 Menschen mit dem Notwendigsten: Lebensmittel, Kleidung, Zelte. Wenige Monate später starteten wir gemeinsam mit Opfern der Naturkatastrophe und lokalen Partnern den Wiederaufbau ihrer Heimat.

Beispiele unserer Hilfe zur Selbsthilfe:
•    Indien: Fischer bekamen neue Netze und Boote, um schnell wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können. Es entstanden Häuser und für Kinder eine Übergangsschule und ein Waisenhaus.
•    Sri Lanka: Vor dem Bau fester Wohnhäuser wurden 2.500 Übergangshäuser errichtet. Neue Schulen, Gesundheitsstationen sowie Erwerbsmöglichkeiten in Handwerk und Landwirtschaft halfen beim Neustart.
•    Indonesien: Dorfbewohner wurden mit Häusern, Straßen und Wasserleitungen unterstützt. Bauern erhielten Saatgut und Arbeitsgeräte, damit sie wieder Landwirtschaft betreiben konnten.
•    Thailand: Fischer erhielten neue Ausrüstungen und Kinder Unterstützung dabei, ihre Albträume und Ängste zu überwinden. Pädagogen fuhren auf zwei Schiffen 100 Schulen an.

Unsere Erfahrung zeigt: Katastrophen zu bekämpfen und zu vermeiden, funktioniert am Wirkungsvollsten durch eine Verbindung aus akuter Nothilfe und langfristiger Entwicklungszusammenarbeit. Beim Wiederaufbau berücksichtigten wir daher insbesondere die zukünftige Sicherung gegen Katastrophen, beispielsweise durch den Bau erdbebensicherer Häuser oder durch die Wiederauffrostung von Mangrovenwäldern für einen besseren Küstenschutz.

Zum Schwerpunkt Tsunami bei der Welthungerhilfe

Wie beim Jüngsten Gericht

In Banda Aceh ist zehn Jahre nach dem Tsunami Normalität eingekehrt. Das Trauma bleibt

Von Ralph Allgaier

Es ist der Versuch, das Unvorstellbare darzustellen. Dazu führt ein schmaler Gang abwärts in fast völlige Finsternis. An der Decke lässt ein Spalt einen winzigen Strahl Sonnenlicht hinein. Wassertropfen treffen uns ins  Gesicht, ein klagender Gesang lässt die Szenerie noch beklemmender wirken. Ansatzweise mag man nun nachfühlen, was es für die Menschen in Banda Aceh bedeutet hat, als sie völlig überraschend von der gigantischen Tsunami-Welle erfasst wurden. Als Ende Dezember 2004 allein in Indonesien durch die Folgen des Seebebens im Indischen Ozean etwa 170.000 Menschen starben, Trümmer, Bäume, Autos, ja ganze Häuser durch die Fluten mitgerissen wurden und überall nur noch Zerstörung und Chaos war.

Jener Gang in die feuchte, enge, beängstigende  Dunkelheit befindet sich im Tsunami-Museum der Stadt Banda Aceh im äußersten Nordwesten des indonesischen Archipels. Ein mächtiges Gebäude voller schockierender Fotos und Erinnerungen an all die Menschen, die den Tsunami nicht überlebt haben. Nicht minder aufsehenerregend ist gleich in der Nähe das riesige Ozeanschiff „Apung“, ein 60 Meter langer und 20 Meter hoher stählerner Koloss, der als Kohlekraftwerk diente und den die Flutwelle ins Landesinnere trieb. Dort steht er nun mitten in der Stadt als Mahnmal, auf dem Touristen herumklettern und wo man sich fragt, wie der Meeresgigant bloß an diese Stelle gekommen ist.

Doch unbegreiflich ist hier vieles. Eine Feriensiedlung, gut vier Kilometer vom Strand entfernt, machte der Tsunami dem Erdboden gleich. Häuser, Bäume, alles verwüstet. Wenn man Sam, den Besitzer der Anlage, auf das damalige Geschehen anspricht, schießen dem gerade noch smart lächelnden 62-Jährigen die Tränen aus den Augen. Sam verlor damals seinen Bruder, seinen Vetter und seine Nichte in den Fluten. Und der Tsunami, ein Seebeben der Stärke 9,1, das vor zehn Jahren in Indien, Sri Lanka, Thailand und Indonesien insgesamt 230.000 Menschenleben forderte, 110.000 Menschen verletzte und etwa 1,7 Millionen Küstenbewohner obdachlos machte, ist immer noch bedrückend präsent im Gedächtnis von wirklich jedem, den man darauf anspricht. Häuser und Infrastruktur sind größtenteils wieder aufgebaut, die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte, bleibt. Auch deswegen weisen in einigen Dörfern große Fluchtwegschilder Notrouten in die umliegenden Berge aus, die Kinder üben in der Schule besonnenes Verhalten im Ernstfall.

Wenn man vor dem Haus von Milawati Ta steht, blickt man linkerhand auf den Turm der Moschee von Ulee Lheu, des Hafenviertels von Banda Aceh, von der nach Hereinbrechen der Tsunami-Welle nur noch eine kleine Spitze ihres rund zehn Meter hohen Minaretts zu sehen war. Milawati wurde an diesem Sonntagmorgen von der Jahrhundertkatastrophe jäh überrascht, auch wenn ihr Haus nur wenige 100 Meter vom Ozean entfernt liegt. „Ich dachte, der Tag des Jüngsten Gerichts sei gekommen“, berichtet sie. Die Frau, ihr Ehemann und ihre drei Kinder wurden von den Wassermassen mitgerissen. Mit Glück fand die heute 45-Jährige Halt an einer vorbeigeschwemmten Matratze, später an einem Stück Holz, und nach langen quälenden Minuten in dem reißenden Wasserstrom, der sich in großem Tempo seinen Weg durch die Straßen der Stadt bahnte, konnte sie sich in ein zweistöckiges Haus retten.

Was nun passierte,  wurde für die Frau zu einem Trauma, das sie bis heute nicht wirklich überwunden hat. Vom Rest ihrer Familie verlor sich jede Spur, es folgten Stunden entsetzlicher Ungewissheit. Bis ihre Tochter wieder auftauchte und sie ihren Mann bei den Schwiegereltern in einem benachbarten Stadtteil wiedertraf. Er hatte sich letztlich am Dach der Moschee festhalten können. Wo ihre beiden Söhne starben, weiß Milawati bis heute nicht. Wochenlang hat sie sie in der näheren und weiteren Umgebung gesucht, überall nach ihnen gefragt. „Wie Bergsteiger sind wir über die Trümmer geklettert, haben Schlamm und Gerümpel durchforstet – doch alles war vergeblich.“  

In diesen schweren Tagen lernte Milawati Wardah Hafidz kennen, die Koordinatorin der indonesischen Misereor-Partnerorganisation Uplink, die direkt auf viele Tsunami-Betroffene zuging und sie fragte, wie sie ihnen helfen könne. Milawati erinnert sich voller Dankbarkeit an diesen Moment, und wie die Uplink-Leute schnell, planvoll und effizient tätig wurden. Mit ihrer Unterstützung erhielten sie und ihre Familie die Möglichkeit des Neubaus eines 36 Quadratmeter großen Hauses, das auf Stelzen steht, aus Stahlbeton und mit doppelter Wandstärke errichtet wurde und damit widerstandsfähiger gegen künftige Erdbeben und Flutwellen sein soll. Mit dem Haus kehrte auch die Hoffnung auf eine gute Zukunft wieder zurück, Milawati bekam noch einmal ein Kind, das mittlerweile vier Jahre alt ist; Muriana, die ältere Tochter Milawatis, steht kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes und arbeitet als Lehrerin. Das Gebäude wurde mittlerweile erweitert und bietet der Familie ein schönes Zuhause.

Bis zum Jahr 2007 hat Uplink mit finanzieller Hilfe von Misereor in Indonesien den Wiederaufbau von 3.800 Häusern koordiniert. Yuli Kusworo und Andrea Fitrianto sind zwei ehemalige Mitarbeiter von Uplink, die schon wenige Tage nach dem Tsunami in Banda Aceh eintrafen, um Kontakt zu Betroffenen aufzunehmen, ihre Nöte und Bedürfnisse zu analysieren und rasche Hilfsmaßnahmen einzuleiten. „Es bot sich uns ein  unbeschreibliches Durcheinander“, formuliert Yuli seine ersten Eindrücke. „Die erste Nacht habe ich im Zelt geschlafen, und als ich am nächsten Morgen aufgestanden bin, lagen um mein Zelt herum 17 Leichen. Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.“ Tagelang half er mit, Tote zu bergen, sowie Schutt und Trümmer, die sich bis zu zehn Meter aufgetürmt hatten, wegzuräumen. Langsam gelang es ihm, das Vertrauen der Tsunami-Opfer zu gewinnen, ein Gefühl für ihre Bedürfnisse, Nöte und Ängste. Kompliziert wurde die Lage durch den zu dieser Zeit noch schwelenden Konflikt zwischen der militanten Separatistenorganisation Gerakan Aceh Merdeka (GAM) und der indonesischen Regierung. Trotz der Mega-Katastrophe Tsunami wurde es den internationalen Helfern von den Behörden zunächst erschwert, in Gebieten tätig zu werden, die als Hochburgen der Rebellen galten. Die Uplink-Mitarbeiter haben sich darüber meist hinweggesetzt und waren so in manchen Wohngebieten über einen längeren Zeitraum die einzige Hilfsorganisation, die trotz der bewaffneten GAM-Präsenz unbürokratisch tätig wurde.

„Dafür sind wir Uplink bis heute dankbar“, sagt Ridban Husin, den wir in seinem wieder aufgebauten  Haus besuchen. Er traf die Uplink-Leute im Flüchtlingslager, wo sie ihm unbürokratische Hilfe anboten. Sie unterstützten ihn dabei, auf den alten Fundamenten wieder sein Zuhause zu errichten. Ein paar Tage zuvor hatte es in der Nachbarschaft noch Schießereien gegeben, es herrschte ein Klima permanenter Unsicherheit. Heute sind alle froh, dass sich die Konfliktparteien angesichts des Tsunamis zu einem Friedensschluss durchrangen, der 2005 das Ende des seit 1976 laufenden Bürgerkriegs in Banda Aceh besiegelte. Ganz friedlich ist es freilich nicht geworden: Immer wieder kommt es punktuell zu Gewalt bis hin zu Brandstiftung und Mord.

Ridbans Vorgarten ist von einer Reihe Grabsteinen geprägt, er verlor seine Frau, drei Kinder und einen Enkel, die er nicht beerdigen konnte, weil ihre Leichen nicht gefunden wurden. So erinnern nur die Steine vor seinem Haus an die Toten. Zwei Kinder und ein Enkel überlebten. Sein Dorf Lam Rukam am Rande von Banda Aceh zählte vor dem Tsunami etwa 250 Einwohner, nur 65 konnten nach dem Seebeben ihr Leben retten. Die meisten Toten waren Frauen und Kinder, denn sie befanden sich  überwiegend zu Hause, als der Tsunami kam, während die Männer meist außerhalb der eigenen vier Wände einer Arbeit nachgingen. So war es auch bei Ridban, der gerade auf einem Markt Obst und Gemüse verkaufte, als die große Flutwelle kam, die er noch sah, aber der er auch entkommen konnte. Er verlor sein gesamtes Hab und Gut, Ausweispapiere, Briefe, Fotos, Erinnerungen. Sein hauseigener Brunnen war versalzen, seine Gemüsefelder nicht mehr nutzbar. „Zwei Monate haben wir gebraucht, um uns einigermaßen von dem Schock zu erholen und wieder handlungsfähig zu werden“, berichtet der 65-Jährige. Uplink half ihm auch, seinen Handel wieder aufzubauen. Langsam kehrte der gewöhnliche Alltag so wieder zurück.

Für Baharruddin, den Dorfführer von Lam Tengoh, war das ganz besonders schwierig. Er verlor seine gesamte Familie, blieb als einziger übrig. Das hinterließ Wunden, die vielleicht niemals heilen werden. Und doch ist es dann irgendwie weitergegangen. Heute hat Baharrudin mit Rozma Wardhani wieder eine Frau und mit Ikram auch einen kleinen Sohn. „Ich schaue nach vorne und will mich nicht zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigen.“ Er hat wieder sein Glück gefunden. Das Tsunami-Trauma aber bleibt.