Vier Jahre Krieg, vier Jahre Flucht

Der syrische Bürgerkrieg und die Vertreibung im Irak

Eine Multimedia-Reportage

BEH

Das große Drama der Flucht

Karte
Etwa zweieinhalb Millionen Menschen im Irak sind auf der Flucht. In Syrien flohen seit Ausbruch des Krieges vor rund vier Jahren knapp elfeinhalb Millionen. Das sind rund 62,5 Prozent der gesamten Bevölkerung, von denen fast vier Millionen Menschen in den Nachbarländern Schutz suchen. Die gesamte Region ist von einer der größten humanitären Katastrophen der heutigen Zeit betroffen.

Mitte vergangenen Jahres wurde im Norden des Iraks die ohnehin schon schwierige Lage der Flüchtlinge aus Syrien durch die Gewalt des „Islamischen Staates“ (IS) verschärft.

Um die akute Notsituation der Flüchtlinge zu lindern, leisten die Mitglieder von Bündnis Entwicklung Hilft wichtige Beiträge zur Grundversorgung. In erster Linie geht um die Bereitstellung von Lebensmitteln, Unterstützung bei Errichtung oder Findung von Unterkunften, sowie die Versorgung mit medizinischen und sanitären Gütern. Wichtig ist vor Ort aber auch die psychosoziale Betreuung. Viele Menschen, vor allem Kinder, haben extreme Belastungen durchlebt und sind traumatisiert.

Die vorliegende Multimedia-Reportage erzählt in vier Geschichten vom Schicksal der Flüchtlinge. Dazu erklären Info-Kästen das Engagement der Bündnis-Mitglieder.



Jesiden auf der Flucht aus Sindschar


Die Menschen, die sich vor dem Islamischen Staat (IS) gerettet haben, stehen unter Schock

„Ich will diese blutige Erde nie wieder sehen“

Von Susanne Güsten


Wie ein Hauch aus der Hölle weht der glutheiße Wind über den staubigen Platz. Das Flüchtlingslager liegt etwas außerhalb von Silopi, einer tristen Kleinstadt auf der türkischen Seite des Grenzdreiecks von Irak, Syrien und Türkei. An den hastig errichteten Zelten sind die Wandplanen hochgerollt, doch bei 43 Grad im Schatten kann der Luftzug keine Linderung bringen. Die Männer, Frauen und Kinder unter dem Zeltdach scheinen die Hitze kaum wahrzunehmen. Sie scheinen auch nicht den spitzen Kies zu spüren, auf dem sie zusammengedrängt sitzen, auf dem sie die Nacht geschlafen haben. Und nicht einmal den Schmerz über alles, was sie für immer verloren haben.

Sie flohen zu Fuß, nur mit den Kleidern am Leib, zu tausenden ins Sindschar-Gebirge
Semi Hudedo ist eine dieser Flüchtlinge, eine noch immer schöne Frau von 50 Jahren, die vier Töchter, drei Enkel und ihren älteren Mann über die türkische Grenze in Sicherheit gebracht hat. Als die IS-Kämpfer vor zehn Tagen auf ihr Dorf bei Sindschar in Nordirak vorrückten und die kurdischen Peschmerga-Truppen die Verteidigung plötzlich aufgaben und sich zurückzogen, flohen sie mit tausenden anderen Jesiden hinauf ins Sindschar-Gebirge - zu Fuß, nur mit den Kleidern am Leib. „Die Peschmerga sind in ihren Autos abgehauen, aber wir hatten keine Autos“, sagt Semi Hudedo bitter.

MISEREOR unterstützt Flüchtlinge im Nordirak, die vor dem Terror der IS-Kämpfer geflohen sind.

Zurück in die befreiten Dörfer können die Flüchtlinge noch lange nicht gehen, da sie unbewohnbar geworden sind. Die IS-Milizen zerstören systematisch Häuser, Wege und Felder. Die Ruinen werden teilweise stark vermint - an einen Wiederaufbau der Dörfer und Siedlungen ist momentan nicht zu denken.

Über die Partnerorganisation „Christian Aid Program Northern Iraq“ unterstützt MISEREOR die Nothilfe für Flüchtlingsfamilien, die vor den IS-Milizen fliehen mussten. MISEREOR arbeitet seit 2003 mit CAPNI zusammen: verteilt Nahrungsmittel, Medikamente und Wassertanks, bietet medizinische und psychologische Betreuung und organisiert Schulunterricht für Kinder und Jugendliche.

Mehr Informationen über die Arbeit von Misereor im Nordirak finden Sie hier.

Drei Tage lang irrte die Familie durch das Gebirge, ohne Wasser, Brot oder Obdach. Und diese ewige Hitze. Die Füße schwollen ihnen an auf dem langen Marsch, die Zehen platzten auf, doch das erwähnt Semi Hudedo nur beiläufig. Schon früh kam der Flüchtlingstreck unter Beschuss der IS. Ihr Onkel wurde getroffen und starb am Wegrand. „Wir sind über seine Leiche hinweggestiegen“, erzählt sie.

Drei Tage lang irrte die Familie durch das Gebirge, ohne Wasser, Brot oder Obdach
Eine Frau hat sie unterwegs gesehen, die schleppte zwei Kleinkinder, ein Mädchen und einen Jungen, bis sie nicht mehr konnte. „Sie hat das Mädchen abgesetzt und ist mit dem Jungen weiter", sagt Semi Hudedo. Dann verliert sie die Fassung: „Sie hat ein Kind zurückgelassen und ist mit dem anderen weiter“, schreit sie weinend. „Verstehen Sie, welche Angst Menschen haben müssen, dass Mütter auf der Flucht ihre Kinder zurücklassen?“

Überall berichten Flüchtlinge von abgehackten Köpfen und Massenerschießungen

Seit die Dschihadisten im Juni die irakische Millionenstadt Mossul besetzten und große Mengen an Geld und Waffen erbeuteten, ist die Terrorgruppe im Irak auf dem Vormarsch. Sie versucht einen islamischen Gottesstaat zu errichten. Hunderttausende sind vor ihrem Terrorregime bereits auf der Flucht. Fast wahnsinnig vor Angst sind auch die Jesiden von Sindschar in die Berge geflohen. Die Angst kam tief aus dem kollektiven Bewusstsein. Die Jesiden sind eine seit Jahrhunderten verfolgte Minderheit in Mesopotamien. Eine Mischform aus Elementen von Islam, Christentum und Hindu-Glaube. Ketzer in den Augen der IS-Truppen. Von abgeschnittenen Brüsten und aufgeschlitzten Bäuchen schwangerer Frauen erzählt Semi Hudedo. Überall im Lager berichten Flüchtlinge von abgehackten Köpfen und Massenerschießungen. Ein älterer Mann wird das Bild nicht mehr los, das sich ihm im Kopf eingebrannt hat: von einem IS-Kämpfer, der mit dem Messer zwischen den Zähnen und dem Gewehr im Anschlag auf ihn zukommt. „Sie sagen es ganz offen: Sie wollen die Jesiden ausrotten“, sagt Hudedu.

Nur einen einzigen Gegenstand hat Hudedo daher von zu Hause mitgenommen, als die Familie in die Berge rannte: die Pistole ihres Ehemannes. Sie hat sie der ältesten Tochter in die Hand gedrückt mit der Anweisung, erst die Schwestern, Kinder, Eltern und dann sich selbst zu erschießen, falls die Familie dem IS in die Hände fallen sollte. Sie haben sie nicht gebraucht. Doch von ihren Geschwistern hat Hudedo keine Nachricht.

Alltagsszenen aus einem Flüchtlingscamp im Grenzgebiet


„Ich gehe niemals dorthin zurück, ich will diese blutige Erde nie wieder sehen“, sagt sie. Darin sind sich die Flüchtlinge im Lager einig. „Niemals", sagt der Bauer Omar Omar. Die Männer rings um ihn nicken zustimmend. Seinen Hof, seine Felder und 125 Rinder hat der 60-Jährige in Sindschar zurückgelassen. Er erwähnt das erst auf Nachfrage und etwas erstaunt, als würde er nach Einzelheiten einer lange zurückliegenden Vergangenheit gefragt. Noch Anfang dieses Monats hatte er das Vieh auf die Weide getrieben und sich nächtelang um jede trächtige Kuh gesorgt. Innerlich hat er sich vom Leben in der Heimat schon verabschiedet.

Am Grenzfluss Habur haben sie zwei Nächte ausgeharrt, bis sie sich auf die türkische Seite wagten
„Und wenn man mir jeden Schritt mit Gold vergelten würde, ich gehe nie zurück“, sagt Lokman Ali. Der 46-jährige Polizist ist mit seiner Frau, den sieben Kindern und der 82-jährigen Mutter vier Tage und vier Nächte lang gelaufen. Das jüngste Kind trug er auf dem Rücken, die Mutter musste unter beiden Armen gestützt werden. „Ein- oder zweihundert Schritte voran, dann kurz ausruhen und wieder weiter“, beschreibt Lokman Ali ihren Weg. Am Grenzfluss Habur haben sie zwei Nächte unter einem Traktoranhänger ausgeharrt, bis sie sich nachts durch das Wasser auf die türkische Seite gewagt haben, wo sie von einem Dorfbewohner entdeckt und ins Lager gebracht wurden. Die alte Mutter haben Anwohner in Silopi bei sich zu Hause aufgenommen, damit ihr das Lagerleben erspart bleibt.

Noch immer ist Ali erschüttert über seine arabischen Nachbarn, die den IS mit Jubel empfangen haben. Als Polizist hat er viele Jahre gemeinsam mit arabischen Kollegen seinen Dienst verrichtet und glaubte auch, sich gut mit den Einwohnern der arabischen Nachbardörfer zu verstehen. „Wir ahnten nicht, welchen Hass sie in ihrem Herzen verbargen“, sagt er. Sie seien kaum fort gewesen, da seien ihre Häuser schon von den Nachbarn geplündert worden, erzählen Flüchtlinge, die noch Kontakt zu jenen haben, die in Sindschar geblieben sind. „Da ist nichts mehr übrig, wofür man zurückkehren wollte“, sagt eine Frau namens Hakima Khalef. „Sie haben alles kaputtgemacht.“

Die Menschen in der Provinz Sirnak kommen selbst kaum über die Runden
Im Lager gruppieren sich die Zelthallen um ein paar Baracken aus nacktem Beton. Der türkische Staat hatte diese Hütten vor 20 Jahren für seine eigenen Flüchtlinge errichtet, als die Armee im Krieg gegen die PKK hunderte kurdische Dörfer räumte. Heute wird Silopi von der PKK-nahen Kurdenpartei BDP regiert, deren Stadtverwaltung nun das Lager übernommen hat. Das Städtchen hat alles zusammengetragen, was es auftreiben konnte: Zelte, Strom, Wasser, Baumaschinen, Krankenwagen, Müllabfuhr und Feldküche. Die Provinz Sirnak, zu der Silopi gehört, ist die ärmste unter den 81 Provinzen der Türkei. Die Menschen hier kommen selbst kaum über die Runden. Dennoch bringen private Initiativen und Spender, was sie können: Teppiche, Ventilatoren, Wasserbehälter, Kleidung, Schuhe. Einige Anwohner haben Flüchtlinge bei sich zu Hause aufgenommen. Die türkischen und syrischen Kurden stehen hoch im Ansehen der Flüchtlinge: Deren Kampfverbände - die PKK und die YPG - waren es, die sich den IS-Truppen entgegen warfen und einen sicheren Korridor im Kampfgebiet schufen, durch den die Jesiden vom Berg flüchten konnten. Ihnen verdanken sie ihr Leben. Nur Verachtung empfinden sie dagegen für die irakischen Kurden und deren Peschmerga, die sie im Augenblick der höchsten Not im Stich gelassen haben.

„Wir haben ihren Versprechungen geglaubt, dass sie uns verteidigen würden.“

„Wir brauchen Lebensmittel, Lebensmittel, Lebensmittel“, sagt Bürgermeister Seyfettin Aydemir, als er durch das Lager läuft. Die Regierung in Ankara helfe bisher nicht, klagt er, von internationalen Hilfsorganisationen sei nichts zu sehen und das Städtchen sei dem Ansturm nicht gewachsen. Im Koordinationszelt sitzt der Sportlehrer Mehmet Emin Kaya an einem Computer, den seine Kollegen von der Lehrergewerkschaft mitgebracht und ans Stromaggregat angeschlossen haben. Als freiwillige Helfer registrieren sie die ankommenden Flüchtlinge, damit sich die Familien im Lager wiederfinden können. Den 24-jährigen Samel Hairi Halef, der in der Nacht angekommen ist, müssen sie enttäuschen. Seine Eltern und Geschwister sind nicht hier.

Samel Hairi Halef war selbst Peschmerga in den Reihen der nordirakischen Kurdenmiliz. Doch als IS angriff, war er gerade auf Heimaturlaub in seinem Dorf in Sindschar. Als seine Waffenbrüder plötzlich abrückten und das Dorf kampflos den Islamisten überließen, wurde er in der Panik von seiner Familie getrennt und schlug sich alleine durch bis in die Türkei. Mit seiner Schwester hat er noch einmal telefonieren können, als sie ins Gebirge floh, doch dann brach der Kontakt ab. Nun hatte er gehofft, sie hier zu finden. Ohne zu zögern, macht sich der junge Mann sofort wieder auf den Rückweg nach Irak, um sie zu suchen. Den Pass mit der einen Hand umklammert, das Handy mit der anderen, läuft er los zur Grenze.

In den Hinterhöfen von Gaziantep - Welthungerhilfe verteilt Hilfsgüter ausserhalb der Camps

Die meisten vor dem Bürgerkrieg geflohenen Menschen in der Türkei finden gar keinen Platz in den Lagern. 4.500 Flüchtlingsfamilien, das sind rund 30.000 Menschen, leben auf privaten Grundstücken, in Hinterhofverschlägen oder Kellerzimmern: Das ist auch für Hilfsorganisationen eine besondere Situation. Die Verteilung von Hilfsgütern an zentralen Orten scheidet damit oft aus.

WHH

Wie die Hilfe dennoch gut und effizient ankommen kann, zeigt die Welthungerhilfe: 10.000 Familien in der Türkei erhalten durch mobile Teams Winterhilfspakete. Darin befinden sich Decken, Matrazen, Kleidung und Thermounterwäsche, die vor der bitteren Kälte des Winters schützen. Zusätzlich werden Zelte, Öfen und Heizmaterial an 1.000 Familien im Nordirak und der Türkei ausgegeben. 4.400 Familien, die sich in die Türkei geflüchtet haben, erhalten außerdem finazielle Unterstützung - so können sie sich selbstständig mit Lebensmitteln, die hier ausreichend vorhanden sind, eindecken.

Mehr Informationen über die Arbeit der Welthungerhilfe in der Türkei, in Syrien und im Irak finden Sie hier.



Kobane - eine Stadt in Trümmern


Zerschossene Häuser, zerborstene Strommasten, gesprengte Fassaden, Autowracks: Eindrücke aus einer befreiten Stadt

„Uns fehlen Leichensäcke, um die Toten zu bergen“

Von Martin Glasenapp


Am Straßenrand zerschossene Schaufenster und aufgebrochene Läden. Schaufensterpuppen liegen auf der Straße, verschlammte Schuhe, in den Läden hängen noch Kleider auf der Stange. Wir nähern uns der letzten Frontlinie, dort wo der Wendepunkt in der Schlacht um das Stadtzentrum begann. Am Ende der Gasse öffnet sich ein Panorama der Zerstörung. Die große Querstraße, die von einer Promenade gesäumt wird, hat ein drei Meter tiefer Krater förmlich gespalten. Die mehrstöckigen Häuser sind bis auf die Außenmauern skelettiert, die Betonplatten der Etagen zerborsten. Alle Gebäude im Sichtfeld sind zusammengefallen. Geröllberge, zerbeulte Autos, Hausrat.

Wenige Schritte weiter liegen zwei Männer. Beide im Zustand erster Verwesung
Und wieder dieser süßliche Geruch, der jetzt stärker wird. Neben dem Krater aus roter Erde streunt ein Hund, zwei Hühner gackern. Ein schwarzer Haufen ist zu sehen. Verdreckte Kleidung und ein kleiner Fuß. Dann ein Haarschopf. Wenige Schritte weiter liegen zwei Männer. Beide im Zustand erster Verwesung. Sie tragen die Kampfinsignien des IS: lange Bärte, lange Haare, schwarze Stirnbänder und schwarze Jacken.

Kani erklärt die Szenerie. Der Krater stammt nicht von einem Luftangriff, sondern von einem mit Sprengstoff gefüllten Tankwagen, den der IS am 16.1. ins Zentrum der Stadt schicken wollte, um die letzte Verteidigungslinie der kurdischen YPG-Einheiten zu durchbrechen. Ein kurdischer Kämpfer konnte im letzten Moment mit einer Panzerfaust die Tankwand treffen und den Laster zur Explosion bringen. Danach gelang es den kurdischen Milizen die Promenade zurückzuerobern.

Kobane: Eindrücke aus einer befreiten Stadt


Kani zeigt auf das kleine Bündel mit dem Haarschopf am Kraterrand. „Daesh“, wie die Kurden den IS nennen, setze auch Kinder ein. Bei der einen Männerleiche handle es sich um einen Afrikaner. „Vielleicht von Boko Haram?“, Kani lacht bitter. Der 48 Jahre alte Kurde, dessen Schnauzbart schon ergraut ist, hat den ganzen Krieg in Kobane verbracht. Drei seiner Töchter sind bei den Fraueneinheiten der YPG, seine drei jüngsten Kinder mit seiner Frau in einem Flüchtlingslager im türkischen Suruc.

„Meine drei großen Mädchen haben bis zum Kriegsanfang alle studiert“, zeigt sich Kani sichtlich stolz, er selbst war bereits als Jugendlicher politisch aktiv und saß drei Jahre im Gefängnis, weil er mit einem Piratensender kurdische Musik in Bashar al-Assads Syrien verbreitet hatte. Studieren konnte er nicht. Er wurde Elektriker. „Aber als das kurdische Kanton Kobane im Frühjahr 2013 gegründet wurde, kamen meine Töchter aus Aleppo und Damaskus zurück und schlossen sich den kurdischen Einheiten an“, sagt Kani.

Die Befreiung hat die Hoffnung der Menschen wiedererweckt - medico unterstützt sie beim Wiederaufbau

In Kobane hat medico von Anfang an die Bevölkerung mit medizinischer und humanitärer Nothilfe unterstützt. Heute ist die Stadt von der Terrormiliz befreit.

medico


Die Nothilfe in Syrien steht derzeit massiven Herausforderungen gegenüber. Die politische Lage spiegelt sich direkt in der Projektarbeit wider und auch die Sicherheit der zivilgesellschaftlichen Partner ist zunehmend gefährdet. Priorität hat der Aufbau eines neuen Gesundheitssystems, um eine Versorgung der Bevölkerung zu ermöglichen.

Mehr Informationen über die Arbeit von medico in Syrien und im Irak finden Sie hier.


Wir gehen weiter die offene Promenade entlang. Überall das gleiche Bild. Ein Panorama der Zerstörung tut sich auf. Zerschossene Häuser, weggesprengte Fassaden, zerborstene Strommasten, aufeinander getürmte Autowracks, die als Sichtschutz und Barrikaden dienten. Förmlich Meter um Meter drückten hier die kurdischen Einheiten den IS aus dem Stadtzentrum.

Die erste Etage ist eingestürzt. Sein Fahrrad hängt an den Überresten des zerstörten Balkons
Plötzlich bleibt Kani stehen und fordert uns auf, die Reste des Bürgersteigs zu benutzen. Er zeigt auf zwei etwa 30 cm lange Drähte, die aus dem Morast ragen. Eine noch intakte Sprengfalle des IS. Sie wurde erst vor wenigen Tagen entdeckt, als ein Junge sein Fahrrad aus dem ersten Stock des gegenüberliegenden Haus holen wollte. Die erste Etage des Hauses ist zusammengestürzt und sein Fahrrad hängt an den Überresten des zerstörten Balkons. Der Junge wollte die Straße überqueren und im letzten Moment wurde die Sprengfalle entdeckt.

Glücklicherweise, denn mit der ersten Rückkehr von Zivilisten nehmen auch die Opfer durch nichtexplodierte Blindgänger zu. Oder gut versteckte Sprengfallen. Der IS brachte sie auf ihrem Rückzug in den Häusern an, an Lichtschaltern, in Teekesseln oder eben als selbstgebaute Mine in den Hauseingängen. Auch deshalb sind in diesem so umkämpften Stadtteil noch viele Leichen zu sehen. „Uns fehlen zudem die Leichensäcke, um die Toten bergen zu können“, erklärt Kani.

Eine Hand und Uniformreste ragen aus einem Gemisch aus Schutz und Sand

Auf einem ehemaligen Schulhof ist ein Krater zu sehen, der mit Erde aufgeschüttet wurde. Eine Hand und Uniformreste ragen aus einem Gemisch aus Schutz und Sand. Hier seien 14 IS-Milizionäre notdürftig verscharrt worden, damit sie nicht von den streunenden Hunden angefressen werden. Kani bedauert die Situation aufrichtig und weist darauf hin, dass auch in den zusammengestürzten Häusern noch weitere Tote zu finden seien: „Was sollen wir nur machen? Wir haben in der Türkei 1000 Leichensäcke bestellt, aber die Grenzbehörden verzögern die Lieferung nach Kobane“.

Dabei hat anderes Material offenbar die Grenze in den letzten Monaten immer wieder passieren können. An vielen Stellen sind die Hülsen von Kartjuscha-Raketen zu finden, mit denen der IS die kurdischen Stellungen beschossen haben. Alle tragen türkische Beschriftungen. Im Frühling wird die Wärme zurückkehren und mit ihr die vielen geflüchteten EinwohnerInnen von Kobane. Bis dahin ist viel an Aufräumarbeiten zu leisten. Dafür aber sind Kräne und schweres Baugerät notwendig, dass nur über die Türkei eingeführt werden kann. Auch deshalb drängt die Kantonsverwaltung von Kobane mit allem Nachdruck auf einen humanitären Korridor in die befreite Stadt, die aber weiterhin gefährdet bleibt.

„Für Erdogan haben hier die Falschen gewonnen. Und das lässt er uns leider immer wieder spüren“
Kani wundert es schon längst nicht mehr, dass Waffen und Kämpfer für den IS die Grenze offenbar passieren konnten, Kobane aber die Rettung nach der Befreiung unendlich schwer gemacht werde: „Für Erdogan haben hier einfach die Falschen gewonnen. Und das lässt er uns leider immer wieder auch aufs Neue spüren“. Bislang hat noch kein so kleines Geschäft in Kobane wieder geöffnet. Wenn die Dunkelheit beginnt, wird die Stadt praktisch unsichtbar. Nur an wenigen Stellen ist das Knattern der Generatoren zu hören.

An die Rückkehr der Flüchtlinge ist noch nicht zu denken. Die in Kobane verbliebenden Menschen, viele Kämpferinnnen und Kämpfer, aber auch die Zivilisten, die dem Krieg getrotzt haben, sind dennoch zuversichtlich. Sie haben den IS besiegt und sind sich sicher, dass es ein neues Kobane geben wird. Aber sie sagen auch, dass sie dieses Ziel nicht allein aus eigenen Kräften erreichen können.


Die verlorene Generation


Auf der Flucht vor einem Krieg zu sein, bedeutet für viele syrische Flüchtlingskinder ihre Kindheit verloren zu haben.

Syrische Flüchtlingskinder: Eine verlorene Generation

Von Karim El-Gawhary


Einige lachen, schwätzen und kreischen miteinander und stecken die bunten Steine gemeinsam zusammen, andere sitzen alleine auf dem Boden, vollkommen in sich gekehrt, und setzen ein Haus zusammen. Aber eifrig bauen sie alle, die Gruppe von zwei Dutzend Kindern, an der langsam wachsenden Lego-Stadt.

Die Kriegskinder im Spielraum bauen eifrig eine langsam wachsende Lego-Stadt
Ihre Eltern haben die syrischen Flüchtlingskinder hier in diesem kleinen Warte- und Spielraum des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR in Beirut abgegeben. Die Erwachsenen warten Draußen zu hunderten, haben ihr altes Leben im zerstörten Syrien hinter sich gelassen und stehen hier für ein neues an. Sie wollen von den UNHCR Mitarbeitern, die in den weißen Containern hinter kleinen Amtstubenfenstern sitzen, als offizielle syrische Flüchtlinge registriert werden, von denen es im Libanon bereits über eine Million gibt. Die Dunkelziffer jener, die aus Syrien in den Libanon gekommen sind, ist aber mindestens noch ein Drittel höher.

Die Kinder, die hier mit Lego ihre Phantasiegebäude zusammenstecken, sind jene, die irgendwann einmal, wenn der Krieg in Syrien vorbei ist, ihr Land nicht mit Plastiksteinen, sondern in Wirklichkeit wieder aufbauen müssen. Wie das ohne Bildung einmal schaffen sollen, weiß heute niemand, sagt Minou Hexspor von der privaten Hilfsorganisation „War Child“ – „Kriegskinder“ die den Spielraum der Kinder leitet. „Es ist eine ganze verlorene Generation“, sagt sie und rechnet mit zwei Zahlen die bevorstehende Katastrophe vor: „Im Libanon leben eine halbe Million schulpflichtiger syrischer Flüchtlingskinder, für 320.000 von ihnen gibt es keine Schulplätze“. Auf drei Einwohner im Libanon käme heute fast ein syrischer Flüchtling. Damit sei das libanesische Schulsystem vollkommen überfordert genug Schulplätze zu schaffen, selbst wenn viele öffentliche Schulen bereits auch in Nachmittagsschichten arbeiten. Aber auch das ist noch nicht genug. Und die internationalen Hilfsorganisationen? „Die haben gerade einmal für Bildung ein Drittel des Geldes, das eigentlich nötig wäre“, sagt die Holländerin resigniert.

Für 320.000 syrische Flüchtlingskinder gibt es keine Schulplätze

Dazu kommt, dass viele der Kinder vollkommen traumatisiert seien. „Viele haben psychologische und soziale Probleme. Sie haben eine Menge Kämpfe und Tod erlebt. Viele haben Angehörige verloren. Sie haben Verhaltensstörungen und wissen nicht, wie sie mit ihren eigenen Emotionen umgehen sollen“, erläutert Hexspor und zählt die einzelnen Probleme auf. „Manche machen im Alter von zehn wieder ins Bett. Andere haben Albträume. Viele haben aufgestaute Aggressionen und streiten ständig. Andere ziehen sich vollkommen in sich selbst zurück“, sagt sie.

Selbst wenn es genug Schulplätze für sie gäbe, für einen großen Teil der älteren Kinder hat das Leben einen anderen Plan. „Ab dem Alter von 12 Jahren gehen viele von ihnen arbeiten, um das Überleben der Familie im Libanon mit abzusichern. Die Kinder schaffen in Restaurants, in Fabriken, sie helfen in der Landwirtschaft, sie verkaufen Dinge auf der Straße, oder helfen in Werkstätten, Autos zu reparieren“, schildert die Mitarbeiterin von „War Child“.

Kindernothilfe unterstützt Flüchtlinge in der libanesischen Gebirgsregion Chouf

Mit dem lokalen Partner Amurt ermöglicht die Kindernothilfe 800 Kindern den Besuch staatlicher Schulen und kommen für Transport, Schulgeld und -uniformen auf. Außerdem hilft sie bei der Instandhaltung und Ausstattung der Schulen.

Doch es gibt auch Mädchen und Jungen, die keine Schule besuchen können - aus Platzmangel oder weil sie zu stark traumatisiert sind. Diese Kinder werden im Schutzzentrum aufgefangen. Dort erhalten sie neben dem normalen Unterricht auch eine einfühlsame psychosoziale Betreuung: Therapeuten helfen 400 Kindern, ihr Kriegstrauma zu überwinden.

Mehr Informationen über die Arbeit der Kindernothilfe im Libanon finden Sie hier.


Der Junge aus Aleppo ist stolz darauf Arbeit gefunden zu haben und seiner Familie helfen zu können
Diese Kinder, die ihre Kindheit in Werkstätten und hinter Ladentheken abgegeben haben, sind überall in Beirut anzutreffen. Beispielsweise der 13jährige Ahmad Hamadi. In einer kleinen Bäckerei verrichtet er den ganzen Tag allerlei Handlanger-Dienste. Er kehrt und schrubbt den Boden, er wischt die Theke und putzt die Vitrine. Aber meistens ist er in den engen Gassen zu Fuß unterwegs, um Bestellungen auszuliefern. „Ich komme aus einem Dorf in der Nähe Aleppos. Wir sind hierhergekommen, nachdem unser Haus im Krieg zerstört wurde“, erzählt der aufgeweckte Junge. Er ist stolz darauf Arbeit gefunden zu haben und seiner Familie helfen zu können. „Ich bekomme umgerechnet 19 Euro pro Woche dafür und kann damit mithelfen, die Ausgaben unserer Familie zu decken“, berichtet er. Das sei umso wichtiger, als sein Vater keine regelmäßige Arbeit fände. „Hoffentlich werden wir eines Tages wieder nach Syrien zurückkehren. Mein Traum wäre es, wieder in die Schule zu gehen und eines Tages Arzt zu werden“, fügt er noch hinzu, wirklich daran glauben tut der kleine Ahmad aber nicht. „Ich habe ohnehin alles vergessen, was ich früher in Syrien der Schule gelernt habe“, sagt er, lächelt, nimmt die nächste Bestellung entgegen, und macht sich auf den Weg. Er hat keine Zeit zu sprechen, er muss arbeiten.

Zurück bleibt sein Chef Ahmad Hassoun, der Bäcker, selber syrischer Flüchtling und gerade einmal sechs Jahre älter als der kleine Ahmad. „Die syrischen Kinder arbeiten hier überall, für sie ist es wesentlich leichter Arbeit zu finden, als für die Erwachsenen, weil sie billiger sind“, fasst der das Kalkül des informellen libanesischen Arbeitsmarktes zusammen. Es sei kein Einzelfall, dass die Eltern keine Arbeit finden. „Zwei arbeitende Kinder schaffen den Lohn eines Erwachsenen ran“, rechnet er aus.

Kinder: Sie leiden am meisten unter der Vertreibung


Die Bäckerei befindet sich im Palästinenserlager Schattila, einem abgeschlossenen Viertel Beiruts. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass hier die palästinensischen Flüchtlinge von einst die neuen Menschen auf der Flucht aufnehmen. Fast 30.000 Menschen drängen sich hier auf einem halben Quadratkilometer. Die Hälfte Einwohner des Palästinenserlagers kommt inzwischen aus Syrien, auch weil die Mieten hier billiger sind.

Die Palästinenserin Hoda al-Ajouz, selbst ein Flüchtling im Libanon, leitet eine kleine lokale Hilfsorganisation, die auch mit den syrischen Flüchtlingskindern im Lager zusammenarbeitet. Sie kennt hier fast jeden. „Es gibt noch jüngere Kinder als Ahmad, die arbeiten müssen“, erzählt sie. Da der Vater keine Arbeit fände, lebe die Familie von Ahmads Gehalt und von dem, was seine Mutter als Putzfrau verdiene, die auch Ahmads 14jährige Schwester als Putzhelferin mit zur Arbeit nehme.

Gefangen: Gerade erst vorm Krieg geflohene Kinder flüchten sich jetzt in virtuelle War Games
Hoda führt durch das Lager. Es geht vorbei an zahlreichen Läden und Werkstätten, deren kleinen Verkäufer und Arbeiter, wie Hoda immer wieder hinweist, aus Syrien kommen, in eine kleine dunkle Gasse, deren einziges Licht aus einem Internet-Cafe stammt, in dem kleine Jungs, kaum ansprechbar vor den Computern sitzen und War Games spielen. Die Gasse durch die sie mit ihren virtuellen Kämpfern schleichen, um ihre Gegner zu erschießen, gleicht auf fatale Weise jener vor der Tür. Auch hier kommen einige der Kinder aus Syrien: geflohen vor dem Krieg, gefangen im Kriegsspiel. Ausgerechnet jene Kinder, die eine kriegerische Vergangenheit hinter sich haben, flüchten sich in die virtuelle kriegerische Gegenwart. Wird das eine friedliche Generation, wenn sie älter sind?

Er hat noch zwei drei Jahre vor sich, dann wird der achtjährige Abdallah wohl auch arbeiten gehen
Ein paar Meter weiter kommen wir zu einer kleinen informellen Schule. Hoda führt in den ersten Stock in einen kleinen Raum, in dem ein Dutzend Grundschüler in U-Formation an ihren Pulten sitzen und enthusiastisch das englische Alphabet nachsingen. „Am Vormittag lernen hier unsere palästinensischen Kinder, am Nachmittag die syrischen“, erzählt sie stolz. Die Arbeit mit den syrischen Kindern sei nicht einfach, sagt sie und zieht als Beweis ein paar Bilder und Zeichnungen aus dem Schrank. Eines hat der achtjährige Abdallah gemalt. Unter einem dunkel-lila gemalten Himmel, ist schemenhaft ein Flugzeug zu sehen. Raketen schlagen ein. Der überwiegende Teil des Bildes ist Rot, das Blut, das aus einigen in der Mitte zerrissenen schwarz gemalten Figuren fließt. Was muss ein Kind erlebt haben, das so etwas zeichnet?

„Wenn sie hierher kommen, dann malen sie zuerst Bilder vom Krieg, von einschlagenden Raketen von Geschützen, von Kämpfen, in denen Blut fließt. Wir arbeiten lange mit ihnen, damit sie vergessen und irgendwann malen sie dann wieder, wie andere Kinder. Dann malen sie das Meer oder die Berge oder sie zeichnen einen Beruf, den sie später einmal ausführen wollen“, erzählt Hoda und holt ein neueres Bild des kleinen Abdallah hervor. Eine Schale mit buntem Obst hat er diesmal gemalt. Er hat noch zwei drei Jahre vor sich, dann wird der achtjährige Abdallah wie der Bäckerbote Ahmad wohl auch arbeiten gehen.


Rückkehr ungewiss


Syrische Flüchtlinge in Jordanien: Besonders Kinder leiden unter Krieg und Vertreibung.

Den erlebten Schrecken hinter sich lassen

Von Franziska Kückmann (NOZ)


Amal formt die Hände vor dem Mund zu einer Höhle und legt los. Die rhythmischen Geräusche des Beatboxers bringen Rami neben ihm dazu, mit dem Fuß zu wackeln – und dann fängt er an zu rappen. Über die Schule, die Hausaufgaben, welchen Lehrer er mag und welchen nicht. Amal und Rami sehen aus wie zwei ganz normale zwölfjährige Jungen. Bis vor Kurzem waren sie das auch. Jetzt sind sie Flüchtlinge, die wegen des syrischen Bürgerkriegs ihre Heimat verlassen mussten.

Irbid heißt ihre neue Bleibe. Die 500 000-Einwohner- Stadt im Norden Jordaniens ist Flüchtlingsstürme gewohnt. Einst kamen vertriebene Palästinenser aus Israel, für die ein großes Lager gebaut wurde. Heute ist das ein Viertel der Stadt. Manche Palästinenser sind hier geblieben, andere weitergezogen. Nun finden syrische Flüchtlinge Zuflucht in den heruntergekommenen Häusern. Rund 120 000 sind es bereits im Großraum Irbid.

Irbid
An einer staubigen Straße mitten in diesem ärmsten Teil der Stadt liegt ein Sozialzentrum, aus dessen Kellerfenstern Amals Beatboxing dringt. Rami und er beenden ihren Song und verbeugen sich. Die rund 40 Kinder, die im Kreis um sie herum sitzen, applaudieren und kreischen begeistert. Ein paar springen von ihren kleinen farbigen Plastikstühlen auf, zu groß ist die Energie in ihnen. Hier bekommen sie Raum dafür: zum Spielen, zum Toben – den erlebten Schrecken hinter sich zu lassen, wenigstens für kurze Zeit.

„Die meisten dieser Kinder sind schwer traumatisiert“, sagt Yasmeen Hijjawi. Die Psychologin arbeitet für die Schweizer Sektion des Kinderhilfswerks terre des hommes (mehr Info) im Norden Jordaniens und hat dort für verschiedene Standorte ein Programm für die psychosoziale Betreuung syrischer Flüchtlingskinder aufgebaut. Auch mit Hilfe aus Osnabrück: Die deutsche Sektion von terre des hommes mit Sitz in der Hansestadt unterstützt die Projekte der Schweizer Schwesterorganisation finanziell.

Amal und Rami haben wieder zwischen den anderen Kindern im Stuhlkreis Platz genommen. Yasmeen Hijjawi lässt ihren Blick über die unruhige Schar schweifen und hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger an die Lippen. Es wird still, die Kleinen schauen erwartungsvoll. Als die Psychologin die ersten Worte eines arabischen Kinderlieds singt, stimmen sie sofort ein.

Ob sie mit ihren Familien je wieder in die Heimat zurückkehren können, das weiß niemand
Malen, Spielen, Singen: Mithilfe dieser einfachen Dinge sollen die Flüchtlingskinder lernen, den erlebten Schrecken zu verarbeiten – den Verlust der Heimat, von Schule, Freunden und Familie, die Bilder von Bomben, Toten und Verletzten, die Angst um Verwandte, die womöglich in Syrien zurückgeblieben sind. Die Mitarbeiter von terre des hommes geben ihnen die Möglichkeit, Kind zu sein. Keine Selbstverständlichkeit angesichts der schwierigen Umstände, in denen sie in der Fremde leben.

Ob sie mit ihren Familien je wieder in die Heimat zurückkehren können, weiß niemand. Noch ist kein Ende des Blutvergießens in Syrien in Sicht. Seit Beginn der Kämpfe vor etwas mehr als drei Jahren sind nach UNAngaben mehr als neun Millionen Menschen auf der Flucht. 6,5 Millionen von ihnen sind Vertriebene innerhalb Syriens, 2,5 Millionen sind ins Ausland geflohen.

Allein in Jordanien leben 600.000 bei der UN registrierte Flüchtlinge


Besonders die Nachbarländer ächzen unter den Flüchtlingsströmen: Die meisten Menschen suchen in der Türkei, dem Libanon, im Irak und in Jordanien Schutz. Allein im jordanischen Königreich leben inzwischen 600 000 bei den UN registrierte Flüchtlinge. Der Schein trügt, dass die meisten von ihnen in den großen Flüchtlingscamps unterkommen: Vier von fünf Flüchtlingen in Jordanien landen in Kommunen und Städten.

Häufig teilen sich mehrere Familien eine kleine Wohnung

So wie in Irbid. Holprige Straßen führen durch den ärmsten Teil der Stadt. Hier, wo die Syrer Zuflucht finden, blättert Farbe von den Fassaden, fehlen Fenster, sind Dächer undicht. „Häufig teilen sich mehrere Familien eine kleine Wohnung“, sagt Ibrahim, während er einer übervollen Mülltonne ausweicht. „Die große Nachfrage lässt die Mieten explodieren.“

Ibrahim, Ende 20, ist selbst Syrer, der seine Heimat wegen des Kriegs verlassen hat. Nun arbeitet er als Freiwilliger bei terre des hommes in Irbid. Seine graue Weste mit dem Schriftzug des Hilfswerks trägt er wie einen Schutzschild, wie den Beweis dafür, dass er nicht wie andere Flüchtlinge ist, dass er eine Aufgabe hat. Er weiß um die Verzweiflung, die sich hinter vielen dieser Hauswände verbirgt. Das Gefühl der Nutzlosigkeit, das viele Männer quält, die als Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen und ihre Familien nicht ernähren können. Die Überforderung der Frauen, die manchmal ihre neugeborene Babys nicht annehmen können, weil die Belastungen der Flucht es ihnen psychisch unmöglich machen. Die Wut der Kinder, die nicht verstehen, weshalb ihr vorheriges Leben so plötzlich vorbei war.

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) kümmert sich um benachteiligte Flüchtlinge mit Behinderungen

WHH

Im Januar 2014 begann die CBM mit ihrem lokalen, jordanischen Partner „Al Hussein Society“ ein Projekt, dass sich speziell an syrische Flüchtlinge mit Körperbehinderungen richtet und dabei vor allem solche, die nicht in jordanischen Flüchtlingslagern leben, sondern verstreut in ganz Jordanien.

Sie sollen über den Projektpartner orthopädische Hilfsmittel (beispielsweise Rollstühle und Krücken) bekommen und physiotherapeutisch betreut werden. Bei Bedarf werden auch Prothesen angepasst und den Begünstigten kostenlos bereitgestellt.

Das Rehabilitationszentrum für Menschen mit Körperbehinderungen der AHS in Amman ist eines der größten seiner Art in Jordanien. Es beinhaltet unter anderem auch ein orthopädische Werkstatt und ein Ausbildungszentrum für Orthopädie-Techniker.

Mehr Informationen über die Arbeit der Christoffel-Blindenmission finden Sie hier.


Häusliche Gewalt ist ein Problem. Schnell entladen sich Anspannungen in den Familien in Aggression. An den bemalten Wänden im Raum des Sozialzentrums prangen die Comicfigur Spongebob und andere Bilder. Eltern und Kinder haben sie gemeinsam gemalt. Mithilfe solcher Aktionen versucht terre des hommes, den Familien eine Chance zu geben, ihre Bindungen untereinander neu aufzubauen.

Manche der Kinder haben eingefallene Wangen oder unnatürlich dünne Arme
33 US-Dollar zahlen die UN einem registrierten Flüchtling im Monat. Zum Leben reicht das nicht, die große Nachfrage treibt die Preise für Nahrung und Wohnraum in Jordanien nach oben. So sind die Flüchtlinge auf die Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen. Manche der Kinder, die singend im Stuhlkreis sitzen, haben eingefallene Wangen, unnatürlich dünne Arme. Zur Mittagszeit tragen die Betreuer Kartons mit warmen Mahlzeiten herein. Danach geht es für die Mädchen und Jungen zur Schule. Um die immer zahlreicher werdenden Schüler unterrichten zu können, arbeiten die Bildungseinrichtungen inzwischen im Schichtbetrieb. Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge in Jordanien ist minderjährig.

Von Irbid sind es nur wenige Kilometer bis zur syrischen Grenze. Täglich überqueren sie mehr Menschen, um dem Krieg zu entkommen – Rückkehr ungewiss. „Jordanien muss sich darauf einstellen, dass die Flüchtlinge bleiben“, sagt Ibrahim. Nicht nur Nothilfe sei deshalb gefragt. Die Menschen bräuchten auf Dauer eine Perspektive. Daran fehlt es bislang. Auch in Irbid.



Impressum

Bündnis Entwicklung Hilft - Gemeinsam für Menschen in Not e.V.

Helfen Sie jetzt. Ihre Spende zählt.

IBAN: DE71 3702 0500 0008 1001 00
BIC: BFSW DE33 XXX

Texte: Karim El-Gawhary, Martin Glasenapp, Susanne Güsten, Franziska Kückmann (NOZ)

Fotos: Ralph Dickerhof, Martin Glasenapp, Franziska Kückmann, Mark Mühlhaus / attenzione

Design/Realisierung: Roland Brockmann