Die Launen des Christkinds

Eine Multimediareportage zu El Niño und seinen Auswirkungen

BEH

Ein gefährliches Phänomen

Karte Zynisch nannten peruanische Fischer das unheilbringende Wetterphänomen „El Niño“, übersetzt „das Christkind“. Seit 150 Jahren werden die alle zwei bis sieben Jahre zur Weihnachtszeit vorkommenden Umkehrungen der Wettersituation beobachtet.

Normalerweise bläst der Südost-Passat im Südpazifik zwischen Südostasien und Südamerika von Osten nach Westen. Dabei wird kaltes Oberflächenwasser von der Küste Südamerikas an die Küste Südostasiens gespült. Auf dem Weg dorthin wird das Wasser erwärmt, das kalte Wasser wird vor Südostasien nach unten gedrückt und wieder zurück vor die Küste Südamerikas geschoben. Dort dringt es vor Peru und Chile in Form des nährstoffreichen Humboldtstroms an die Oberfläche. Das warme Wasser vor Australien und Indonesien sorgt dort für Regen. Südamerika hingegen zeichnet sich in normalen Wetterjahren wegen des kalten, nährstoffreichen Wassers durch trockenes Wetter und Fischreichtum aus.

In einem El Niño-Jahr werden die Passatwinde schwächer, wodurch kaltes Wasser nicht mehr nach Südostasien transportiert wird. Der Äquatorialstrom wird rückläufig und das Warmwasser Südostasiens schwappt nach Südamerika zurück. Die Zirkulation wird umgekehrt, was verehrende Folgen für Natur, Tier und Mensch mit sich bringt.

Regen- und Temperaturmuster verändern sich in großen Teilen der Welt, insbesondere in den tropischen Regionen Afrikas, im asiatisch-pazifischen Raum und in Lateinamerika. Dort kommt es in Folge El Niños zu gefährlichen Naturereignissen. In einigen Regionen regnet es heftiger als üblich, in anderen gar nicht.

Laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) werden die Auswirkungen El Niños durch den weltweiten Anstieg der Temperaturen verstärkt. Auch der direkte menschliche Einfluss wirkt den natürlichen Schutzmechanismen entgegen. So erschwert beispielsweise die Abholzung von Wäldern die Absorption erhöhter Niederschlagsmengen und führt zu schweren Überschwemmungen.

Insbesondere für die Entwicklungshilfe werden die Auswirkungen des durch den Klimawandel verstärkten El Niño deutlich spürbar sein.

Erhöhte Wassertemperatur lassen Fischschwärme in kälteres Wasser ausweichen. Das bringt Verluste in der Ökonomie und Lebensmittelversorgung mit sich.

Trockenheit und Dürre führen zu Bränden und Wassermangel und dadurch zu schweren Einbußen bei Ernte und Produktion. Auch unter sintflutartigem Regen werden Natur, Tiere und Menschen leiden müssen.

Besonders betroffen sind arme Regionen und Länder, in denen Menschen von Selbstversorgung, Viehzucht und Landwirtschaft abhängig sind.

Die vorliegende Multimedia-Reportage schildert die Auswirkungen El Niños in Äthiopien und Brasilien anhand konkreter Projekte der Mitglieder des Bündnis Entwicklung Hilft und betroffener Personen.



Über 10 Millionen Menschen droht der Hunger


In Äthiopien könnte der aktuelle El Niño die schlimmste Hungersnot seit 30 Jahren auslösen

Die Grenzen der Bewältigungskapazität

Der Boden ist staubtrocken. Die letzten Regenzeiten im Land am Horn von Afrika waren viel zu kurz. Die Erde ist so ausgedörrt, dass in manchen Regionen bis zu 90 Prozent der Ernte zerstört wurde. Immer wieder wird Äthiopien von Dürren heimgesucht. Doch in diesem Jahr wird die Dürre durch das Wetterphänomen El Niño noch einmal verstärkt. Während El Niño vor allem im Nordosten des Landes für den fehlenden Regen mitverantwortlich ist, sorgt er im Süden teilweise für heftige Regenfälle und Überschwemmungen. Doch der völlig ausgedörrte Boden kann die Regenmassen nicht aufnehmen, das Saatgut wird einfach weggespült.

Karte Dabei hat sich in den letzten Jahren viel getan in Äthiopien. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Wirtschaft des Landes im zweistelligen Bereich gewachsen. Die Regierung hat soziale Systeme aufgebaut, die seit zehn Jahren die Armen vor dem Verhungern bewahren. Sechs Millionen Äthiopier werden außerhalb der Erntezeiten für Arbeiten im öffentlichen Bereich eingesetzt. Dafür bekommen sie Nahrungsmittel. Wer aus gesundheitlichen Gründen oder wegen seines Alters nicht arbeiten kann – immerhin eine weitere Millionen Menschen – erhält die Nahrung so.

Die Auswirkungen des aktuellen El Niño übersteigen jedoch die Bewältigungskapazitäten des Landes. Experten sprechen bereits von der schlimmsten Hungerkatastrophe seit 30 Jahren. Über 10 Millionen Menschen droht eine verheerende Hungersnot, besonders betroffen sind Kinder und schwangere Frauen. Die Situation ist dramatisch: Rund 400.000 Kinder sind von schwerer Mangelernährung bedroht.


"Ich wollte mit meinen Tieren sterben"

In der Region Afar, im Nordosten Äthiopiens, leben die Menschen hauptsächlich von Viehhaltung. Wegen der Dürre ist Nahrung für die Tiere kaum noch zu finden: Wasserlöcher sind vertrocknet, die Pflanzen verdorrt. Viele Tiere sind stark unterernährt oder sterben an Hunger und Durst.



Eine Katastrophe für die Menschen, ihnen bricht die Ernährungsgrundlage weg. Aus Not versuchen sie, ihr Vieh zu verkaufen, um genug Geld für Nahrung zu bekommen. Doch die mageren Rinder erzielen nur noch niedrige Preise auf dem Markt, während gleichzeitig Nahrungsmittel immer teurer werden. Ein Teufelskreis, den die Menschen alleine nicht durchbrechen können.
Wie die Welthungerhilfe in Äthiopien hilft erfahren Sie hier.



Gerade einmal 75 Kilogramm

Alemu bindet das wenige Holz, das er im Wald sammeln konnte, auf den Rücken seines Esels. Er hofft, es in der Stadt verkaufen zu können. Zusammen mit fünf seiner Kinder lebt er in der Alhamra-Region in Äthiopien. Zwei weitere Söhne sind bereits verheiratet und wohnen nicht mehr bei Ihm. Eigentlich ist Alemu Bauer. Er besitzt einen Hektar Land auf dem er die lokale Hirse-Art Teff anbaut – meistens genug, um seine Familie zu ernähren. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Gerade einmal 75 Kilogramm konnte er ernten.

Während der kurzen Regenzeit im Frühjahr 2015 regnete es nur wenig, die normalerweise große Regenzeit im Sommer und Herbst brachte keine Besserung. Der Boden ist vertrocknet und die wenigen Ziegen und Hühner, die die Familie besaß, mussten fast alle geschlachtet werden. Futtermittel und Nahrung sind teuer und um die Familie zu ernähren, muss auch einer von Alemus jüngeren Söhnen in der Stadt nach Arbeit suchen.

Wie die Christoffel-Blindenmission den Menschen in Alhamra und anderen Regionen Äthiopiens hilft, erfahren Sie hier.


Die Unberechenbarkeit des Wetters


In Braslien führen El Niño und die Abholzung des Regenwaldes zu chaotischen Verhältnissen

Zerstörung der natürlichen Schutzmechanismen

Karte Auch in Brasilien leiden die Menschen unter den Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño. Trockenperioden und Überschwemmungen treten in den vergangenen Jahren immer häufiger und mit größerer Intensität auf. Das durch El Niño verursachte Wetterchaos verschlimmert die Lage zusätzlich. Unzuverlässige Vorhersagen der Regen- und Trockenzeiten führen zu Ernteeinbußen. Die Grundversorgung und Infrastruktur werden stark beeinträchtigt. Die Trockenheit führt zu einem erheblichen Anstieg der Waldbrandgefahr.

Dabei bietet die natürliche Vegetation Brasiliens eigentlich die beste Widerstandskraft gegen die verheerenden Auswirkungen El Niños. Wald und Boden können Wasser speichern und wieder abgeben. Effekte sind neue Wolkenbildung und Regen. Die Rodung des Regenwalds und der Savanne zerstört diesen natürlichen Schutzmechanismus und kann lange Dürreperioden zur Folge haben.


Ein sensibles Gleichgewicht

Extrem niedrige Wasserstände machen die Transportschifffahrt unmöglich

Massive Überschwemmungen im einen Monat, extrem niedrige Wasserstände im nächsten. Die Situation im brasilianischen Bundesstaat Acre gestaltete sich im letzten Jahr äußerst unberechenbar. Acre liegt im Westen Brasiliens und grenzt direkt an Bolivien und Peru. Mit 82.000 Einwohner ist Cruzeiro do Sul nach der Hauptstadt Rio Branco die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates. Der Rio Juruá, ein Nebenfluss des Amazonas, kann wohl als die Lebensader der Region um Cruzeiro do Sul bezeichnet werden. Menschen und Natur sind von ihm abhängig.

Doch El Niño, die Auswirkungen des Klimawandels und die Ausbeutung der Natur im Amazonasgebiet gefährden das sensible Gleichgewicht. Führte der Fluss im einen Monat noch so wenig Wasser, dass die Transportschifffahrt eingestellt werden musste und damit einen Großteil der lokalen Transportwege lahm legte, sorgte extremes Hochwasser im nächsten Monat für heftige Überschwemmungen und Zerstörung der Ernte.

Bündnismitglied Misereor ist seit 20 Jahren mit lokalen Partnern aktiv in der Diözese Cruzeiro do Sul und setzt sich für den Erhalt des Waldbestandes, für nachhaltige Land- und Forstwirtschaft und für die Rechte marginalisierter Bevölkerungsteile ein. Die Ereignisse des letzten Jahres im Zusammenhang mit El Niño bestätigen die absolute Dringlichkeit dieser Themen.

Extremes Hochwasser gefährdet die Ernte
Mehr zu Misereors Engagement für Natur und Menschen in Brasilien erfahren Sie hier.



Die Armutssituation verschärft sich

In der Region Sertão hat es in den zurückliegenden vier Jahren praktisch nicht mehr geregnet. Meteorologen sprechen von der verheerendsten Dürre seit hundert Jahren.

Sertão ist eine halbwüstenartige Landschaft im Nordosten Brasiliens. Das Gebiet erstreckt sich über mehrere Bundesstaaten und ist bereits in „normalen“ Jahren häufig von Dürre betroffen.

Neben der ungebremsten Zerstörung von Waldflächen im Amazonas-Becken verschärfen auch die Folgen der nicht nachhaltigen Landwirtschaft in anderen Regionen Brasiliens die Folgen des Klimawandels in den Trockengebieten des Nordostens.

Der Wassermangel im Sertão führt dazu, dass Tiere verenden und die ohnedies bescheidene Selbstversorger-Landwirtschaft praktisch zum Erliegen kommt. Das Trinkwasser für die Menschen in den Dörfern muss unter hohen Kosten mit Tanklastwagen teilweise über 150 Kilometer weit herangeschafft werden. Die Armutssituation vor allem von Kleinbauernfamilien hat sich aufgrund der Dürrekrise deutlich verschärft.


Die Kindernothilfe informiert mit der Kampagne #istmirnichtegal über Projekte zu El Niño. Mehr erfahren Sie hier.


Mit Hilfe zur Selbsthilfe


Martin Größ-Bickel ist Referatsleiter für Ostafrika und das Horn von Afrika bei Brot für die Welt. Im Interview spricht er über die Lage in der Region und über die Relevanz von Entwicklungshilfe zur Katastrophenbewältigung.

Entwicklungszusammenarbeit bleibt wichtig

Herr Größ-Bickel, als Referatsleiter bei Brot für die Welt haben Sie einen guten Überblick über die gesamten Region Ostafrika und Horn von Afrika. Wie schätzen Sie die Lage bezüglich El Niño ein? Mit welchen Folgen ist noch zu rechnen?

Das tatsächliche Ausmaß der von El Niño bedingten Hungerkrisen wird sich erst im Laufe des Jahres zeigen. Weitere Ernteausfälle drohen, während die Nahrungsmittelpuffer in den einzelnen Haushalten und von den Regierungen aufgebraucht werden. Für viele Menschen steht das Schlimmste erst noch im Laufe des Jahres 2016 und 2017 bevor. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass La Niña, die Abkühlungsphase der ENSO (El Niño/Südliches Oszillations-Phänomen) folgt. Dies könnte noch größere humanitäre Auswirkungen mit sich bringen, da die Fähigkeiten damit umzugehen durch die Auswirkungen El Niños bereits aufgezehrt sind. Solche dramatischen Katastrophen werden Afrika immer öfter treffen. Daher muss verstärkt in Anpassungsmaßnahmen investiert werden.
Nötig sind weiterhin langfristig angelegte Entwicklungsprogramme zur Stärkung der Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, Krisen und Katastrophen zu bewältigen und sich an sich verändernde Risikobedingungen anzupassen. Dies muss komplementär zur Stärkung der Kapazitäten lokaler Behörden geschehen, als Aufgabe der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit. Zudem müssen wir weiterhin Lobby- / Advocacy- und Öffentlichkeitsarbeit leisten, damit diese Krisen nicht vergessen werden.

Brot für die Welt leistet in der Region Ostafrika und Horn von Afrika langfristige Entwicklungshilfe. Welchen Beitrag kann Entwicklungszusammenarbeit in einer solchen akuten Notsituation leisten? Und wie kann Entwicklungshilfe zur Bewältigung zukünftiger Katastrophen beitragen?

Nothilfe ist jetzt unumgänglich. Aber das darf nicht heißen, dass die Entwicklungszusammenarbeit eingestellt wird, beziehungsweise keine Rolle mehr hätte. Es ist ein gemeinsames Ziel von Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, die Katastrophenanfälligkeit der lokalen Bevölkerung zu vermindern, auf Grundlage des Prinzips der Selbsthilfestärkung, d.h. die Menschen dazu befähigen, sich selbst zu helfen und sich selbst Hilfe zu organisieren. Ansätze zur Krisenprävention werden von Brot für die Welt, wie auch von vielen anderen Hilfswerken, schon seit Langem gefördert, da Krisen und Katastrophen eher die Regel als die Ausnahme sind. Wir arbeiten seit Jahren mit afrikanischen Partnern in rund 170 langfristig angelegten Ernährungssicherheitsprogrammen, die in vielen Fällen gezielt die Fähigkeit der lokalen Gemeinschaften stärken, von katastrophalen Wetterereignissen weniger stark betroffen zu werden. Krisen sind für die Menschen nichts neues, es ist wichtig, aus ihren traditionellen Erfahrungen und Handlungsmustern zu lernen, darauf aufzubauen und diese zu stärken, da sie extremen Situationen und der Entwicklung des Klimawandels meist nicht gewachsen sind.

Mehr über die Projekte von Brot für die Welt erfahren Sie hier.


Impressum

Bündnis Entwicklung Hilft - Gemeinsam für Menschen in Not e.V.

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Texte: Florian Brell, Annika Vogelbacher, Mitgliedsorganisationen des Bündnis Entwicklung Hilft

Fotos: Kindernothilfe, Misereor, ORDA

Grafiken: Benjamin Helsper