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„Man muss sich darauf einstellen, dass immer öfter Regenzeiten komplett ausfallen“

Georg Ehrler betreut im Auftrag von Misereor in Äthiopien die Entwicklung verschiedener Wasserprojekte. Im Interview spricht er über ausbleibenden Regen, komplizierte Projektantragsverfahren und die Vorteile solarbetriebener Pumpen gegenüber Generatoren.

Sie waren Ende Februar in Äthiopien. Wie schätzen Sie die Lage ganz aktuell ein? 

Die Lage ist sehr kompliziert. Die zentrale Frage ist: Wann fängt es endlich an zu regnen? Im Süden bei Moyale hat es wenigstens ein paar Tropfen geregnet. Leider gab es nur dort Regen, in den anderen Gebieten blieb er komplett aus. Seit 2014 hat es wenig oder gar nicht geregnet. Auch in Gegenden, die in der Vergangenheit immer etwas Regen hatten, hat die Lage sich verschärft und die Leute sind auf Unterstützung angewiesen. Das Problem ist, dass langsam die großen Flüsse austrocknen. Die Tiere verenden massenhaft, das war schon im Februar zu beobachten. 

Diesmal scheint die Dürre weitere Bevölkerungskreise zu treffen als 2011, während der letzten großen Dürreperiode. Waren die Menschen dieses Mal nicht besser gewappnet? 

Nein, überhaupt nicht. Viele mussten sich nach 2011 ihren Viehbestand wieder neu aufbauen. Sie waren langsam wieder an dem Punkt, an dem sie ein Einkommen erzielen konnten. Jetzt trifft es sie erneut. Das ist sehr hart.  

Jenseits der reinen Trinkwasserversorgung: Wie würden Sie die Ernährungssituation in Äthiopien insgesamt beschreiben?

Insgesamt sehr schlecht. Dass die Lebensmittelversorgung sehr kritisch ist, spürt man vor allem bei den Kindern. Viele Schulen werden direkt unterstützt, damit wenigstens die Kinder einmal pro Tag eine Mahlzeit bekommen. Auf den Märkten sind Lebensmittel dermaßen teuer geworden, dass sie sich keiner mehr leisten kann. Dabei ist Äthiopien eigentlich, was Nothilfe betrifft, gut aufgestellt. Das „Safety Net“ zum Beispiel unterstützt schon seit 2005 Menschen, die als besonders bedürftig eingestuft worden sind.  Wir sprechen dabei von acht Millionen Äthiopierinnen und Äthiopiern im Jahr. Jetzt sind jedoch noch andere Gebiete dazu gekommen und es können nicht mehr alle Hilfsbedürftigen versorgt werden. 

Bei der Berichterstattung in Deutschland über die Hungerkrise in Ostafrika fällt auf, dass über Äthiopien vergleichsweise wenig zu hören ist. Woran liegt das aus ihrer Sicht?

Das liegt vielleicht daran, dass es einfach nicht im Interesse der äthiopischen Regierung ist. Viele Informationen sollen einfach nicht nach außen dringen. 

Sie sagen also, dass internationale Journalisten schwierigen Zugang zu Informationen im Land haben?

Ganz genau. Hier läuft alles über die Regierung: Jedes Projekt muss letztendlich von der Regierung genehmigt werden, bevor es tatsächlich durchgeführt werden kann. Das ist in anderen Ländern anders, da arbeitet man mit den Organisationen und Menschen direkt vor Ort. Aber in Äthiopien muss alles von der Regierungsseite abgesegnet werden, das ist nicht so ganz einfach.

Was muss einerseits dringend getan werden, um der betroffenen Bevölkerung zu helfen? Und was sind die geeigneten Maßnahmen, um langfristig diese Abhängigkeit aufzulösen und eine nachhaltige Entwicklung anzuschieben?

Dringend müssen zunächst die Nothilfeprojekte verstärkt werden. Die Regierungsseite hat in vielen Gegenden schon Heu für die Tiere der Pastoralisten ausgegeben – ich habe mich mit verschiedenen Menschen vor Ort unterhalten, doch die Menge reicht bei weitem nicht aus.  Man sollte schnellstmöglich die Menschen mit ausreichenden  Nahrungsmitteln und die Tiere mit Futtermittel versorgen. Aber immer nur kurzfristige Hilfe – das kann es nicht sein. Man muss langfristige Projekte angehen, auch wenn es länger dauert und mehr Geld kostet. Es gibt in Äthiopien einfach zu viel Nothilfeprojekte und zu wenige nachhaltige langfristige Entwicklungsprojekte!  Wichtig sind auch  Bewässerungsprojekte, um die landwirtschaftliche Produktion wieder anzukurbeln

Könnte man zukünftige Dürreperioden zumindest abmildern? Die werden, angesichts des fortschreitenden Klimawandels, in den Regionen ja wiederholt auftreten.

Man muss sich darauf einstellen, dass immer öfter Regenzeiten komplett ausfallen. Hier muss man planen, um diese Perioden zu überstehen: Man muss Pflanzen anbauen, die nicht so viel Wasser benötigen, und man muss die Wasserversorgung verbessern. Dazu muss man Brunnen bohren, Regenrückhaltebecken anlegen und Bewässerungssysteme bauen. In Äthiopien gibt es zahlreiche Quellen. Viele dieser Quellen sind noch nicht erschlossen und das an der Oberfläche ausfließende grundsätzlich saubere Wasser, wird durch den ungeschützten Zugang von Mensch und Tier wieder kontaminiert. 

Wie funktioniert ein Regenrückhaltebecken? 

Hierbei wird Oberflächenwasser gespeichert, das in Äthiopien von saisonalen Bächen gespeist wird. Die Becken haben ein Fassungsvermögen von 50.000 m³ und die vorhandene Bodenbeschaffenheit muss  ein hohes Wasserspeichervermögen haben, damit möglichst wenig Wasser versickert. Das Wasser wird mit Solarpumpen entnommen. Die Projektpartner von Misereor haben sechs dieser Becken in der Somali-Region an der Grenze zu Kenia erstellt. Schon ein eintägiger kräftiger Regenschauer konnte zwei dieser Becken komplett füllen. Somit ist es trotz fast vollständig ausgebliebener Regenzeit gelungen, viele Menschen mit Wasser zu versorgen.  Zusätzlich muss nun unbedingt versucht werden, auch Brunnen zu bohren, um an Grundwasser zu gelangen, das in Äthiopien teilweise durchaus in großer Menge vorhanden ist. 

Wie teuer ist es, einen Tiefbrunnen zu bohren? 

Der Bau eines Tiefbrunnens  mit ca. 200 Metern Tiefe und Stahlverrohrung  mit zugehöriger Ausstattung wie Entnahmestellen kostet insgesamt etwa 65.000 Euro. Je nach Ergiebigkeit kommt hierzu eine dementsprechend leistungsstarke Unterwasserpumpe hinzu, die entweder solar- oder generatorbetrieben sein kann. In den Misereor-Projekten werden momentan im Süden Äthiopiens ausschließlich solarbetriebene Pumpen eingesetzt, die zwar in der Erstanschaffung deutlich teurer, aber viel nachhaltiger sind als die Generatoren.  Die laufenden Betriebskosten sind sehr gering und die Mehrkosten von ca. 20.000 Euro sind nach einigen Jahren wieder amortisiert. 

Wie kann die internationale Politik helfen?

Es müssen vor allem entsprechende Gelder bereitgestellt werden, um Projekte angehen zu können. Vielleicht kann die Staatengemeinschaft auch auf die äthiopische Regierung einwirken, ihr Verhalten zu ändern, sich mehr zu öffnen und benötigte Unterstützung klarer zu kommunizieren.