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„Eine so schlimme Dürre haben die Menschen hier noch nie erlebt“

Drohende Hungersnot in Somaliland: Ein Interview mit Angelika Böhling, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Bündnis Entwicklung Hilft und Pressesprecherin der Kindernothilfe

Sie sind gerade aus der autonomen Republik Somaliland zurückgekehrt. Wie ist die Lage aktuell?
Die Lage ist sehr angespannt. Die Menschen stehen kurz vor einer regelrechten Hungersnot. Ich bin in der Region Togdheer gewesen. Alle Menschen, mit denen wir dort gesprochen haben, haben übereinstimmend gesagt: So eine schlimme Dürre haben wir noch nie erlebt. Zum Glück wurden in der Region noch keine Todesopfer gemeldet, aber besonders die Kinder sind sichtlich angeschlagen. In den zweieinhalb Monaten dieses Jahres  wurden bereits fast so viele Mädchen und Jungen mit einem besorgniserregenden Gesundheitszustand registriert wie im gesamten letzten Jahr. Die Lage ist insgesamt sehr ernst. Weite Regionen des Landes sind auf die Wasserversorgung durch Lastwagen angewiesen. Die Wasserzisternen in den Dörfern sind alle leer, da es seit zwei Jahren nicht geregnet hat. Dadurch sind auch die Ernten ausgeblieben. Das Vieh, das 65 bis 70 Prozent der Menschen als Lebensgrundlage dient, liegt vielerorts verendet am Straßenrand. Die Menschen machen sich daher aus den ländlichen Gebieten auf den Weg in die größeren Städte.

War diese Situation absehbar?
Es ist ein schleichender Prozess. Unsere Partnerorganisation in Somaliland hat schon im letzten Jahr erste Warnzeichen gegeben und um Unterstützung gebeten. Akut geworden ist es erst, als die Regierung kürzlich den Notstand ausgerufen hat. Ein Problem besteht darin, dass Somaliland seit der Erklärung seiner Unabhängigkeit von Somalia 1991 völkerrechtlich nicht anerkannt ist und dadurch keine eigene Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft bekommt. Die somalische Regierung gibt zwar einen Teil der Hilfsgelder an Somaliland weiter, doch das reicht bei weitem nicht aus. Somalia und Somaliland sind gleichermaßen von der Dürre betroffen.

Wie konnte es zu dieser schweren Hungersnot kommen? Gibt es neben der Dürre noch andere Ursachen?
In Somalia wie in anderen afrikanischen Ländern spielt sicher auch die politische Instabilität eine große Rolle bei der Entstehung des Hungers. Somaliland ist im Vergleich zu Somalia, das durch einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg gezeichnet ist, aber ein weitgehend stabiler Staat. In Somaliland ist die Hungerkrise überwiegend auf den Klimawandel zurückzuführen. Die Regierung selbst hat seit November 2016 zwei Millionen US-Dollar in die humanitäre Hilfe gesteckt und zusätzlich um internationale Hilfe gebeten. Doch durch die fehlende internationale Anerkennung kann sich Somaliland schlecht Gehör verschaffen. Ansonsten wäre Hilfe von außen vielleicht schneller angekommen. Nun ist viel zu viel Zeit verstrichen. Es kommt jetzt auf die nächsten Tage an, nicht auf Wochen oder Monate.

Kinder und schwangere Frauen leiden am meisten unter der Dürre in Somaliland. Copyrights: Angelika Böhling, Kindernothilfe

Einen Eindruck von den Hilfsbedarfen und -maßnahmen gibt der Beitrag in der Tagesschau von Minute 11:05 bis 12:58:
www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts-18789.html