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„Mit den Materialien in Haiti kann man erdbebensichere Häuser bauen“
Bauexperte von Erkundungs- und Beratungsreise aus Haiti zurückgekehrt
Berlin, 26. Januar 2010 – Misereor-Mitarbeiter Marcelo Waschl hat Haiti eine Woche nach dem Erdbeben bereist. Der Bauexperte stellte gravierende Mängel in der herkömmlichen Bauweise fest und wird die haitianischen Partner beim Wiederaufbau unterstützen. Für die ausländischen Helfer sieht er nach der Phase der akuten Nothilfe in erster Linie einen Fortbildungs- und Beratungsbedarf.
Herr Waschl, Sie waren für fünf Tage in Haiti. Wie lautet das Fazit Ihrer Reise?
Marcelo Waschl: „Das Ausmaß der Schäden ist wirklich kaum zu begreifen. Meine schlimmsten Befürchtungen vor der Reise wurden bestätigt. Auch Gebäude, die vor kurzem erst errichtet worden waren, sind eingestürzt.“
Woran liegt das?
Waschl: „In Haiti wurden bei den meisten Gebäuden wichtige Grundsätze des Bauens missachtet. Es wurde mit für den Zweck ungeeigneten Materialien gebaut, etwa Dächer, tragende Wände oder Säulen aus Beton ohne jede Stahl- oder Eisenbewehrung. In den Trümmern habe ich nirgends Stahlmatten gesehen. Stabiler gebaute Gebäude hätten dem Beben wesentlich besser standhalten können.“
Das klingt wie ein Vorwurf an die Haitianer.
Waschl: „Der Bevölkerung kann man keinen Vorwurf machen. Die Menschen sind arm und verzweifelt. Sie bauen ihre Häuser mit dem, was sie bekommen können. Oft fehlt es aber einfach am nötigen Wissen. Es mangelt an Ausbildung für Baufachkräfte – und an einer angemessenen staatlichen Bauaufsicht. Und da liegt die Verantwortung.“
Momentan steht die akute Nothilfe in Haiti an erster Stelle. Was aber sind die drängendsten Aufgaben mit Blick auf den Wiederaufbau des Landes?
Waschl: „In Port-au-Prince müssen zunächst die Schuttberge abtransportiert werden, um freie Flächen zu schaffen, damit dort Notunterkünfte errichtet werden können. Dazu werden in der Regel Wellblech-Platten und andere Bauteile benötigt, die man zum Teil aus den Nachbarländern importieren kann.“
Dabei drängt die Zeit.
Waschl: „Richtig, ab Juni beginnt die Regenzeit und damit die Hurrikan-Saison. Bis dahin müssen die Menschen wieder ein Dach über dem Kopf haben. Wichtig ist aber, dass diese Notunterkünfte dezentral aufgebaut werden. Denn die Menschen sollten möglichst in der Nähe ihrer eigentlichen Wohnstätten bleiben. Auch vor dem Beben war die Not groß. Deshalb haben die Menschen in ihrem jeweiligen Stadtteil individuelle Überlebensstrategien und Netzwerke gebildet.“
Wie geht es nach dem Bau dieser Notunterkünfte weiter?
Waschl: „Gleichzeitig sollten Gebäude mit einer hohen Bedeutung für die Infrastruktur wiederaufgebaut werden – wie Schulen, Krankenhäuser und Kinderheime. Anschließend geht es darum, die Menschen wieder in feste Wohnunterkünfte zu bringen. Dabei ist eine kluge Verteilung des Geldes angezeigt. Man sollte den Bau vieler kleiner, progressiv erweiterbarer Wohneinheiten ermöglichen. Somit kann man vielen Familien Wohnraum bieten, den sie schrittweise erweitern können. Das ist besser als nur wenigen Familien ganze Häuser zu finanzieren.“
Wie lange, schätzen Sie, wird es dauern, die Gebäude und Infrastruktur Haitis wieder in den Zustand vor dem Beben zu bringen?
Waschl: „Genau das sollte man eben nicht tun. Schon in den nächsten Wochen sollten die ausländischen Helfer vielmehr mit einer massiven Aufklärungskampagne beginnen. Man muss gemeinsam mit den Haitianern Konzepte entwickeln, um besser bauen zu können. Man muss Architekten, Ingenieure und Baufachkräfte als Multiplikatoren schulen. Denn auch mit den Materialien, die in Haiti zur Verfügung stehen, ist es möglich, erdbebensichere Gebäude zu bauen. Wir haben in El Salvador nach dem Erdbeben von 2001 viele Gebäude in Erdbauweise erdbebenresistent wieder aufgebaut. Diese Gebäude haben spätere Beben unbeschadet überstanden – auch solche der Stärke 7.“
Etwas anders gefragt: Wie lange wird es dauern, bis Haiti als Land wieder aufgebaut ist?
Waschl: „Diese Frage ist unglaublich schwer zu beantworten. Es wird ein sehr mühsamer Prozess. Denn oft müssen zunächst einmal die Besitzverhältnisse geklärt werden. Ehe man ein Gebäude wieder aufbaut, muss klar sein, wem der Boden eigentlich gehört. Um den Prozess zu beschleunigen, sollte die internationale Staatengemeinschaft den Wiederaufbau in jedem Fall in die Hände der haitianischen Bevölkerung und der haitianischen Behörden legen. Die Aufgabe der ausländischen Helfer besteht eher darin, den Haitianern beratend zur Seite zu stehen.“
Marcelo Waschl, 55, ist Fachreferent für Stadtentwicklung, Habitat und Wohnbau bei Misereor. Der gebürtige Bolivianer arbeitet seit 22 Jahren für Misereor – zunächst in der Afrika-Abteilung, seit über einem Jahrzehnt in der Lateinamerika-Abteilung. In El Salvador hat Waschl nach dem Erdbeben von 2001 viele Erfahrungen mit dem Wiederaufbau einer zerstörten Infrastruktur gesammelt.
Misereor, medico international, Brot für die Welt, terre des hommes und Welthungerhilfe leisten als Bündnis Entwicklung Hilft akute und langfristige Hilfe bei Katastrophen und in Krisengebieten.
Pressekontakt:
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