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„Wir wehren uns gegen eine übergestülpte Hilfe“
Haiti: Bündnis Entwicklung Hilft bereitet den langfristigen Wiederaufbau vor
Berlin, 5. Februar 2010 – Knapp drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti haben die fünf Hilfswerke im Bündnis Entwicklung Hilft und ihre lokalen Partner ihre Arbeit weiter intensiviert. Derweil bemängeln viele Medien ausbleibende Erfolge. Bündnis-Geschäftsführer Peter Mucke kritisiert im Interview eine übertriebene Erwartungshaltung und erklärt, wie in Haiti eine langfristige Entwicklung gelingen kann.
Herr Mucke, die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Erdbebenopfer in Haiti ist außergewöhnlich hoch. Wie viel Geld ist bis jetzt beim Bündnis Entwicklung Hilft eingegangen?
Peter Mucke: „Auf unserem Spendenkonto wurden bisher 18,7 Millionen Euro verbucht. Dafür möchten wir uns sehr herzlich bei allen Spendern bedanken. Das Wichtigste dabei ist uns, dass wir den Menschen in Haiti mit diesem Geld wirklich helfen können, dass dieses Geld etwas bewirkt.“
Diesen Eindruck bekommt man nicht immer, wenn man Medienberichte aus Haiti verfolgt. Die Rede ist von noch immer hungernden und hilflosen Menschen, von Gewalt und Plünderungen.
Mucke: „Port-au-Prince besteht in weiten Teilen nur noch aus Schutt und Trümmern. Das UN-Hauptquartier ist ebenso zerstört wie die meisten Gebäude der haitianischen Ministerien. Hunderttausende Menschen sind obdachlos, tausende verletzt. Banküberweisungen funktionieren nur sehr eingeschränkt, die Telefonnetze sind zusammengebrochen. Die Hilfswerke und ihre Partner vor Ort arbeiten unter schwierigsten Bedingungen, haben selbst Mitarbeiter und Freunde verloren. Aber die Medien erwarten derzeit oftmals nur den schnellen Erfolg. Das ist unrealistisch.“
Ist das nicht ihr gutes Recht angesichts solcher Millionensummen?
Mucke: „Die Medien erfüllen natürlich auch für humanitäre Hilfsorganisationen eine wichtige Kontrollfunktion. Sie sollen ja genau hinschauen, was mit den Spendengeldern passiert, von den Hilfswerken Transparenz und Rechenschaft einfordern. Deshalb berichten wir auch fast täglich aus Haiti. Aber Bilanz ziehen kann man nicht nach drei Wochen. Es ist angesichts des Ausmaß’ der Katastrophe eine absurde Logik, nach schnellen Spenden mit genauso schnellen Ergebnissen zu rechnen. Und für die Hilfswerke im Bündnis Entwicklung Hilft ist es wichtig, nicht nur die Nothilfe zu leisten, sondern auch zu einer langfristigen Entwicklung Haitis beizutragen. Und dazu bedarf es eines planvollen Vorgehens. Diese Art der Hilfe gelingt nicht von heute auf morgen.“
Aber steht im Moment nicht die Notversorgung der Menschen an erster Stelle?
Mucke: „Das ist momentan das zentrale Thema, ja. Und die Hilfswerke tun ihr Bestes. Aber aufgrund der bereits geschilderten Umstände kommt es dabei immer wieder zu Schwierigkeiten und Verzögerungen. Und trotz des Zeitdrucks werden wir nicht den Weg gehen, den Haitianern jetzt einfach Hilfe von außen überzustülpen.“
Die Hilfe von außen hat doch die entscheidende Rettung gebracht!
Mucke: „Als allererstes kam die Nachbarschaftshilfe und dann die – durchaus sehr wichtige – Hilfe von außen. Wogegen wir uns vom Bündnis Entwicklung Hilft aussprechen wollen, ist eine einseitige und diskriminierende Sichtweise. Die Haitianer suchen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden, arbeiten trotz Mangelernährung bis zur völligen Erschöpfung. Davon sehen wir fast gar nichts in den Medien, dort konzentriert man sich eher auf den deutschen Schäferhund als Retter. Dabei sind es im Katastrophenfall die lokalen Partner der Hilfswerke vor Ort, die gemeinsam mit den betroffenen Menschen die wichtigste Nothilfe leisten. Deshalb tragen die Spenden dazu bei, schon in den ersten Stunden die größte Not zu lindern – schneller, als die Spender es vermutlich annehmen.“
Wie soll eine Selbsthilfe vor Ort jetzt überhaupt funktionieren? Die Regierung ist handlungsunfähig, die Bevölkerung leidet.
Mucke: „Und genau deshalb muss man die Haitianer einbeziehen, sie fragen, welche Bedürfnisse die Menschen haben. Man darf die lokale Expertise nicht unterschätzen, auch wenn diese Einbeziehung derzeit nur mit großen Schwierigkeiten organisiert werden kann. Leider wird das nach Katastrophen viel zu oft gemacht, wird das Selbsthilfepotenzial der Bevölkerung nicht hinreichend wahrgenommen, werden die vorhandenen Strukturen und Organisationsprozesse zu wenig einbezogen.“
Was muss den geschehen, damit der langfristige Wiederaufbau Haitis gelingt?
Mucke: „Entscheidend wird es sein, die Planungen für den langfristigen Wiederaufbau mit der haitianischen Bevölkerung gemeinsam vorzunehmen. Und wir werden im Rahmen der internationalen Hilfe dazu beitragen müssen, die lokalen Strukturen und Behörden zu stärken. So müssen zum Beispiel für den erdbebensicheren Bau von Häusern vorab die Landrechte geklärt werden. Dazu braucht man eine funktionierende Regierung, eine funktionierende Verwaltung. Und wir werden in erheblichem Maße dazu beitragen, unsere langjährigen Partner vor Ort zu stärken. Es wird ihre eigene Initiative sein, die den langfristigen Wiederaufbau ermöglichen wird. Von uns benötigen sie dazu in erster Linie finanzielle Unterstützung. Und die können wir leisten, weil die deutsche Bevölkerung so großzügig gespendet hat.“
Peter Mucke, 51, ist seit dem 1. Januar 2009 Geschäftsführer des Bündnis Entwicklung Hilft. Der Entwicklungsexperte war zuvor zwölf Jahre lang Geschäftsführer des Kinderhilfswerks terre des hommes in Osnabrück. Davor arbeitete er als Geschäftsführer des Forum Umwelt & Entwicklung in Bonn.
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Bündnis Entwicklung Hilft – Pressestelle
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