Bündnis Entwicklung Hilft http://www.entwicklung-hilft.de/ Hier gibt es aktuelle Informationen zum Bündnis Entwicklung Hilft de_DE Bündnis Entwicklung Hilft Mon, 29 May 2017 13:36:24 +0200 Mon, 29 May 2017 13:36:24 +0200 TYPO3 EXT:news news-777 Wed, 10 May 2017 10:45:57 +0200 „Die somalische Regierung muss endlich in die Verantwortung gebracht werden” http://www.entwicklung-hilft.de/news-detail-view/die-somalische-regierung-muss-endlich-in-die-verantwortung-gebracht-werden.html Die „London Somalia Conference 2017“ am 11. Mai soll die politischen Weichen stellen für eine bessere Zukunft des Landes am Horn von Afrika. Es geht um die Themen „Sicherheit“, „Politische Reform und Regierungsführung“, „Wirtschaftliche Entwicklung“ und neue Partnerschaftsvereinbarungen zwischen der internationalen Staatengemeinschaft und der somalischen Regierung. Nach der Premiere 2012 und der Fortführung 2013 ist die Konferenz die dritte ihrer Art in London. Dr. Abdullahi Hersi, Geschäftsführer der somalischen Nichtregierungsorganisation „Nomadic Assistance for Peace and Development“ (NAPAD), spricht im Interview über seine Erwartungen an die Konferenz, die Schwäche der somalischen Regierung und die Fehler der internationalen Gemeinschaft.

Herr Dr. Hersi, was sind Ihre Erwartungen an die bevorstehende Somalia-Konferenz in London?

Ein Richtungswechsel. Wenn wir dem gleichen Ansatz wie 2012 und 2013 folgen, wird es keine Veränderung geben. Es ist Zeit, sich mehr auf die Regierung und ihre Institutionen zu konzentrieren. Jetzt haben wir in Somalia einen neuen Premierminister und einen Präsidenten, die zusammen die Probleme des Landes lösen und Dinge in eine positive Richtung lenken wollen. Hierfür brauchen sie jedoch die richtige Unterstützung. Eines der Hauptziele der amtierenden Regierung ist die Durchführung einer öffentlichen Wahl im Jahr 2020. Dieses Ziel kann aber nicht erreicht werden, ohne dass man der amtierenden Regierung hilft, sowohl die Wirtschafts- als auch die Sicherheitsstandards zu verbessern. Es gibt einen neuen nationalen Entwicklungsplan, der dringend umgesetzt werden muss. Und die Bürger Somalias wollen die Umsetzung durch ihre Regierung sehen, nicht durch die UN oder NGOs. Wenn die Londoner Konferenz nicht mit neuen brauchbaren Strategien daherkommt, die die Regierung Somalias und ihre Bürger darin unterstützen, aktiver zu sein und mehr Führung zu übernehmen, wäre diese Konferenz nur Zeitverschwendung.

Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um der somalischen Regierung zu helfen, etwas zu verändern?

Die internationale Gemeinschaft hat großzügige Arbeit geleistet, aber diese Unterstützung kann kein Dauerzustand bleiben. Es ist unabdinglich, die Regierung Somalias und ihre Institutionen zu stärken, um das Vakuum zu füllen, das durch ihre Schwäche entstand. Es gibt bereits einige Unterstützung durch die Vereinten Nationen und die Umsetzung politischer Ziele wie „Sicherheit“ oder „Gerechtigkeit“ im neuen Handlungsprogramm, das 2013 auf der Brüsseler Somalia-Konferenz verabschiedet wurde. Aufgrund von schwachen Institutionen wird der Regierung jedoch immer wieder Veruntreuung von Ressourcen vorgeworfen. Dieses Problem lässt sich aber nicht durch Vorwürfe und Entmündigung lösen. Es bedarf eines Aus- und Aufbaus öffentlicher Institutionen. Die internationale Gemeinschaft muss mit Mechanismen zur Umsetzung zur Seite stehen – und mit Möglichkeiten zur Kontrolle, ob das Geld richtig verwendet wurde. In der Vergangenheit haben wir die Erfahrung gemacht, dass Geld veruntreut wurde und die internationale Gemeinschaft die Füße stillhielt, um die Regierung zu unterstützen.     

Um dauerhafte Lösungen für die langwierigen Krisen zu finden und die Wiederherstellung des Friedens wie auch der wirtschaftlichen Entwicklung in Somalia zu erreichen, ist es meiner Meinung nach wichtig, dass sowohl die negative Wahrnehmung als auch die schlechten Praktiken der Vergangenheit angehören müssen. Die somalische Regierung muss endlich in die Verantwortung gebracht werden. AMISOM, die Mission der Afrikanischen Union in Somalia, und die internationale Gemeinschaft können dabei nur die Rolle des Unterstützers spielen. Ich bin überzeugt, dass die derzeitige Führung in Somalia die Herausforderungen kennt und gewillt ist, die Krise effektiv zu bekämpfen.

Es ist dabei von größter Wichtigkeit, dass die Regierung ihren Bürgern Dienste zur Verfügung stellt und damit die Fähigkeit zeigt, den Menschen zu dienen, die sie vertritt. Wäre dies nicht so, würde sie dysfunktional erscheinen, und die Menschen würden den Aussagen und der Propaganda von Aufständischen und Extremistengruppen glauben, die die Regierung als Marionette fremder Länder darstellen. Dies würde die radikalen Gruppierungen nur stärken. Natürlich kann das nicht ohne die internationale Gemeinschaft erreicht werden, da wir wissen, dass die Regierung kein Geld hat, da sie kein starkes Steuersystem etablieren konnte.

Im Jahr 2013 startete die Regierung mit internationaler Unterstützung den „Somali Compact“, und die Brüsseler Konferenz versprach zwei Milliarden Dollar für Entwicklungshilfe. Aber die Regierung beklagte sich über die Umsetzung, weil sie nicht direkt die von der internationalen Gemeinschaft in Brüssel zur Verfügung gestellten Ressourcen erhielt. Viele Versprechungen wurden gemacht, aber am Ende dieser vier Jahre hatte sich nichts bewegt. Das Gros bleibt unverändert und die staatlichen Institutionen sind nach wie vor schwach. Es gibt Ministerien, die ein Budget von lediglich 40.000 US-Dollar im Monat haben, inklusive der Gehälter für ihre Mitarbeiter. Welche Art Fortschritt soll man von solchen Institutionen erwarten? Sie können keinerlei Lösungen liefern. Am Ende des Tages spielt dies den radikalen Gruppen in die Karten. Der Ansatz der internationalen Gemeinschaft gegenüber Somalia bis jetzt war falsch.

Wieweit hat sich die Situation in Somalia seit 2012 verändert?

Es macht den Anschein, dass wir nichts aus der Krise 2012 gelernt haben und recht ähnliche humanitäre Konditionen durchleben. Es gibt keine Änderungen in Bezug auf Vorbereitung und wirksame Abschwächung. Die humanitären Organisationen stehen weiterhin vor ähnlichen Herausforderungen, was den Zugang zu den Bedürftigen betrifft. Die von Dürre betroffenen Gemeinden kämpfen immer noch mit Herausforderungen, die wir im Jahr 2012 bereits hatten, einschließlich hoher Mangelernährung, Hunger, der hohen Sterblichkeit von Müttern, Wasser- und Nahrungsmangel, den Verlust von produktiven Vermögenswerten wie Viehbestand und Worst-Case-Szenarios mit beispiellos hohen Zahlen an Toten.

Die amtierende Regierung hat jetzt ein Ministerium für Humanitäres und Katastrophen-Management eingerichtet. Für mich ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung, um langfristige Lösungen für die bevorstehenden Dürren und ähnliche Krisen zu finden, die viele Unschuldige das Leben kosteten. Ich denke, dass wir uns im Kreis drehen und scheitern, solange wir uns nicht auf dauerhafte und zukunftsorientierte Lösungen konzentrieren.

Somalia hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit Dürren zu kämpfen. Welche strukturellen Veränderungen sind notwendig, um zukünftige Notfallsituationen zu vermeiden?

Somalia steht vor vielen Herausforderungen – teils natürlichen, teils vom Menschen gemachten. Die natürlichen Herausforderungen, einschließlich der Dürrezyklen, die die Menschen alle drei bis vier Jahre treffen und die lokale Wirtschaft lähmen, erfordern Vorbereitungen und Kapazitäten, um die Auswirkungen der Katastrophen einzudämmen. Und darum wird die Rolle der Regierungsinstitutionen unentbehrlich. Im Hinblick auf die Reaktion auf Krisen und derzeit vorherrschende Notwendigkeiten sind Wasser, Nahrung und Medizin erste Priorität, und es gibt keine Möglichkeit, die Dürre zu mildern, ohne eine Lösung für die Nahrungsmittelknappheit und den Mangel an Wasser zu finden. Hinzu kommt, dass es aufgrund des Mangels an notwendigen bezahlbaren Alternativen eine Menge Entwaldung gibt, da viele Leute zum Kochen oder um Holzkohle zu produzieren und zu verkaufen, einfach abholzen. Dies führt zu langfristigen sozioökonomischen und Umweltproblemen.

Ein Paradigmenwechsel ist notwendig, um die vorherrschenden strukturellen Probleme zu lösen, sonst kommen wir nicht voran. Des Weiteren müssen wir die Sicherheits- und Wirtschaftssituation verbessern. Es ist aber nicht nur die Regierung, die eine aktive Rolle spielen muss – es ist die ganze Gesellschaft und vor allem die Menschen, die von der Situation betroffen sind, die im Zentrum der Entscheidungsfindung stehen müssen.

NAPAP hat Büros in Somalia und Kenia, ist der lokale Partner der Bündnis-Mitglieder medico international und terre des hommes. NAPAD arbeitet auf beiden Seiten der somalisch-kenianischen Grenze, leistet Nahrungsmittelhilfe für Familien auf der Flucht vor Krieg und Klimawandel. medico international unterstützt die Arbeit von NAPAD  in Somalia, terre des hommes jene in Kenia.

Weitere Informationen:

]]> news-776 Tue, 25 Apr 2017 10:31:46 +0200 „Die Angst vor dem nächsten Beben steckt ganz tief drin in den Menschen“ http://www.entwicklung-hilft.de/news-detail-view/die-angst-vor-dem-naechsten-beben-steckt-ganz-tief-drin-in-den-menschen.html Heute vor zwei Jahren wurde Nepal von einem verheerenden Erdbeben getroffen, am 12. Mai folgte ein zweites starkes Beben. 600.000 Häuser stürzten ein, 8.800 Menschen verloren ihr Leben, 22.300 Menschen wurden verletzt, die Infrastruktur massiv beschädigt. Auch zwei Jahre später befindet sich Nepal abseits des Interesses der Weltöffentlichkeit nach wie vor mitten im Prozess des Wiederaufbaus. Asja Hanano, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in Nepal, bewertet im Interview den Stand des Wiederaufbaus, schildert die Zusammenarbeit mit den nepalesischen Behörden und erklärt, warum es um viel mehr geht als nur zerstörte Häuser.

Frau Hanano, wie würden Sie den Stand des Wiederaufbaus zwei Jahre nach dem Erdbeben in Nepal beschreiben? 



Es geht sehr, sehr schleppend voran. Von den 600.000 komplett zerstörten Häusern ist nur ein Bruchteil wieder aufgebaut, offiziell haben nur 3,54 Prozent der betroffenen Menschen ihre Häuser wieder aufgebaut. Die meisten Menschen leben also noch in temporären Unterkünften, kleinen Hüttchen, die sie sich direkt nach der Katastrophe aus Wellblech zusammengezimmert haben. Bei den über 8.000 zerstörten Schulen liegt die Wiederaufbauquote bei zehn Prozent, von den 500 zerstörten Krankenstationen ist etwa die Hälfte wieder aufgebaut.

 




Warum dauert es so lange?



Die Gründe sind vielschichtig. Zunächst hat sich die Identifizierung der Erdbebenopfer ewig hingezogen. Die Regierung musste überall vor Ort prüfen: Ist das Haus wirklich zerstört? Inwiefern ist es zerstört? Wer ist der Hausbesitzer? Das hat ein ganzes Jahr gedauert. Was aber teilweise auch verständlich ist. Denn manchmal müssen Sie erst sechs Stunden mit dem Auto fahren und dann noch einmal acht Stunden zu Fuß gehen, um ein Haus zu erreichen.



Hinzu kommt die Frage der Entschädigung: Nach langem Hin und Her hat die Regierung jedem Erdbebenopfer als Entschädigung 200.000 Nepalesische Rupien zugesichert. Das sind umgerechnet 1.800 Euro. Um ein Haus zu bauen, braucht man mindestens 6.000 Euro, oder mehr. Die erste Rate von 50.000 Rupien pro Kopf wurde erst im August 2016 ausgezahlt. Wer kein Geld hatte, konnte vorher also auch nicht damit anfangen, sein Haus wieder aufzubauen. Und selbst wer Geld dafür hatte, konnte es nicht tun. Denn dann hätte die Regierung den Status der Bedürftigkeit aberkannt. 



Diese erste Rate von 50.000 Rupien pro Kopf war für das Fundament des Hauses bestimmt. Unklar war jedoch, nach welchen Richtlinien gebaut werden sollte. Da hat die Regierung die Bevölkerung zu wenig aufgeklärt. Was ist passiert? Die Leute haben gebaut und die Ingenieure der Regierung haben das Fundament nicht abgenommen. Die Menschen bekommen nun die zweite Rate nicht. Von über 600.000 Personen, die sich für die Entschädigung registriert haben, haben nur 4.000 die zweite Rate bekommen, also weniger als ein Prozent. In der Folge haben viele Menschen einen Kredit aufgenommen, teilweise mit Zinsen von 25 Prozent oder mehr. Das stürzt die zumeist ohnehin armen Menschen umso tiefer in die Armut.

 




Welche Rolle spielt die Bürokratie? 



Eine gewichtige. Zunächst muss ein Antrag für ein Wiederaufbauprojekt durch Behörden auf sehr vielen Ebenen laufen. Nehmen wir als Beispiel eine Schule: Erstmal geht das auf lokaler Ebene durch den Schulmanagement-Ausschuss und durch den Dorfentwicklungs-Ausschuss. Es folgt die Bezirksebene und geht dann auf die nationale Ebene nach Kathmandu zur „National Reconstruction Authority“ (NRA), der Regierungsstelle, die den gesamten Wiederaufbau koordinieren soll. Leider hat  die NRA ständig die Richtlinien geändert. Am Ende gab es hundert verschiedene Baudesigns für erdbebensicheres Bauen einer Schule statt fünf, sechs verbindliche Standards, die man für alle lokalen Gegebenheiten einsetzen kann. Deshalb dauert so ein Antrag schon einmal vier Monate.  


Auf der lokalen Ebene läuft die Zusammenarbeit mit den Behörden wiederum sehr gut, zum Beispiel mit den „Female Community Health Volunteers“ des Gesundheitsministeriums. Das sind hoch motivierte Frauen, die z.B. Ernährungsaufklärung betreiben und Impfkampagnen machen.

 

Wie steht es um die personellen und materiellen Kapazitäten für den Wiederaufbau?

In vielen Dörfern sind bloß alte Menschen, Frauen und Kinder. Denn die jungen Männer sind als Arbeitsmigranten in Dubai oder Saudi-Arabien, um Geld für ihre Familien zu verdienen. Somit fehlen vor Ort die Arbeitskraft und das technische Know-how. Die Regierung und Nichtregierungsorganisationen haben viele Programme gestartet, um beispielsweise Maurer und Tischler auszubilden. Gleichzeitig hat die Regierung die Ingenieure, die auf Distriktebene den Wiederaufbau anleiten sollten, nicht vernünftig bezahlt. Sie haben gestreikt oder gleich ganz aufgehört zu arbeiten. Konsequenterweise wurde das Gehalt dann später erhöht, um die dringend benötigte technische Expertise auf lokaler Ebene zu gewährleisten.



Es mangelt aber auch an Ressourcen, aktuell an Holz. Die meisten Wälder sind kommunal und stehen unter Schutz, nachdem sie in jahrelanger Kleinstarbeit wieder aufgeforstet wurden. Um Holz aus diesen Wäldern zu bekommen, bedarf es eines langwierigen Prozesses durch die verschiedenen Regierungsinstanzen, die die Abholzung erst offiziell erlauben müssen.




 

Die lokalen Partner des Bündnis-Mitglieds medico international beklagen, dass die in Nepal anstehenden Wahlen zum einen den Fokus der Politik weg von der Aufgabe des Wiederaufbaus lenken, zum anderen zu massiven Spannungen innerhalb der Bevölkerung führen könnten. Wie schätzen Sie die politische Lage ein?



Als die neue Verfassung am 20. September 2015 bestätigt wurde, ging es mit den politischen Unruhen los. Insbesondere die Madhesi im Süden des Landes, aber auch andere ethnische Gruppen, fühlen sich in der neuen Verfassung nicht ausreichend vertreten. Nun gibt es die ersten lokalen Wahlen seit 20 Jahren und die Madhesi wollen sie boykottieren. Die Öffentlichkeit ist extrem politisiert und die Wahl lenkt die Aufmerksamkeit natürlich weg vom Thema des Wiederaufbaus.

 

 

Das Beben hat bei vielen Betroffenen ein Trauma ausgelöst, ein Thema, mit dem sich nicht nur unser Mitglied Christoffel-Blindenmission verstärkt auseinandergesetzt hat. Wie gut hat die nepalesische Bevölkerung die Katastrophe psychisch verarbeitet? 



Als es im vergangenen Jahr kleinere Nachbeben gab, sind meine Kollegen hier in der Stadt jedes Mal völlig ausgeflippt. Da hat man gemerkt: Die Leute stehen noch völlig unter Schock. Doch auf dem Land ist es noch viel schlimmer. Denn da geht es nicht nur um zerstörte Häuser. Ein Viertel der nepalesischen Bevölkerung lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze von einem halben US-Dollar pro Tag, 35 Prozent der Bevölkerung sind nicht ernährungssicher. Stellen Sie sich mal vor: Nach zwei Jahren lebt eine Großfamilie noch immer in einer Wellblechhütte. Die haben zwei Winter überstanden mit kleinen Kindern und die Männer sind wahrscheinlich schon wieder weg, arbeiten, um Geld reinzubringen. Noch eine Naturkatastrophe überstehen die nicht. Die Angst vor dem nächsten Beben steckt ganz tief drin in den Menschen.

 

Was sehen Sie als die drei wichtigsten Aufgaben für die nepalesischen Partner der Welthungerhilfe in den kommenden Monaten?



Zunächst „Disaster Preparedness“, Notfallbereitschaft. Das heißt, die Reaktionsmechanismen auf lokaler Ebene aufzubauen. Wir machen gemeinsam mit unseren Partnern gemeindebasiertes Katastrophenmanagement, sodass die Leute die Risiken analysieren und gemeinsam Mechanismen entwickeln, wie sie sich am besten vorbereiten und schützen können. 



Die zweite Sache, ganz wichtig, ist „Livelihood Recovery“, also die Resilienz der Menschen zu erhöhen. Das Kernmandat der Welthungerhilfe ist die Bekämpfung des Hungers (Unterernährung, Mangelernährung und akuter Hunger) mit dem Ziel „Zero Hunger wherever we work by 2030“. Da arbeiten wir an der Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion und der Diversifikation des Anbaus – etwa durch den Einsatz von dürreresistentem Saatgut. Wir beraten die Menschen im Einsatz von biologischen Pestiziden als Ersatz für Agrochemikalien und verbessern die Wasserversorgung, zum Beispiel durch die Einführung von Mehrzweck-Wassersystemen. Dabei wird beispielsweise Abwaschwasser noch dazu genutzt, einen kleinen Küchengarten zu bewässern. Komplementär dazu machen unsere Partner Ernährungsberatung für Frauen, denn verbesserte Landwirtschaft allein ist keine Garantie für eine verbesserte Ernährungssituation, es geht ganz stark auch um Verhaltensänderung. 


Wie in anderen Ländern verfolgt die Welthungerhilfe auch in Nepal einen rechtebasierten Ansatz. Wir können technische Assistenz leisten, aber es braucht mehr: Wir wollen die Zivilgesellschaft und auch unsere Partner darin stärken, die Regierungsstellen mehr in die Verantwortlichkeit zu ziehen. Was gibt es für Services, zum Beispiel vom Landwirtschaftsministerium auf Distriktebene, die die Bevölkerung bekommen sollte, aber nicht erhält? Dann unterstützen wir die Bevölkerung zum Beispiel darin, dass mehr Geld im Jahresbudget der lokalen Regierung für Landwirtschaft zur Verfügung gestellt wird. Durch die lokalen Wahlen sehen wir ein Potential für dezentralisierte Machtverhältnisse. „Power to the People!“ lautet die Maxime des Wahlkampfs. So hoffen wir, dass die Bevölkerung künftig mehr in ihre eigene Entwicklungsplanung und die politischen Prozesse eingebunden ist.

 

Das Bündnis-Mitglied terre des hommes sieht angesichts der Folgen des Klimawandels weitere Herausforderungen auf Nepal zukommen. Worauf muss sich das Land mittel- und langfristig einstellen? 



Es gibt ja jetzt schon Probleme. Einerseits die Dürre: Während der Trockenzeit gibt es Waldbrände. Andererseits der Monsun: In der Regenzeit, die jetzt im Juli wieder anfängt, gibt es Überschwemmungen. Diese Probleme werden durch den Klimawandel noch verschlimmert. Es braucht langfristige Anpassungsmaßnahmen und effektive Strategien der Risikoreduzierung. Und die können nur mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. Auf zentraler Ebene können tausend „Policies“ geschrieben werden, wenn die Bevölkerung in den Dörfern nicht mitgenommen wird, dann wird auch so schnell nichts passieren.

 

Was macht Ihnen Mut für die weiteren Schritte des Wiederaufbaus? 

Wenn die Wahlen die lokalen Behörden stärken und sich die Dezentralisierung hoffentlich bis Ende des Jahres halbwegs eingestellt hat, hat die lokale Bevölkerung nicht nur mehr Rechte, die Prozesse würden auch massiv beschleunigt, wenn nicht immer alles über die zentrale Ebene laufen müsste.

 

Weitere Informationen: 
terre des hommes

]]>
news-775 Thu, 13 Apr 2017 15:26:48 +0200 „Unsere Lebensweise ist Mitauslöser der Hungerkrise“ http://www.entwicklung-hilft.de/news-detail-view/unsere-lebensweise-ist-mitausloeser-der-hungerkrise.html Anne Jung, Mitarbeiterin von medico international im Bereich Campaigning, schildert im Interview die Lage in Kenia und Somalia und benennt strukturelle Probleme, die die aktuelle Hungerkrise in Ostafrika mitverursacht haben.


Frau Jung, Sie sind vor kurzem aus der kenianischen Hauptstadt Nairobi zurückgekehrt. Wie stellt sich Ihnen die Lage vor Ort dar? In welchen Regionen Kenias ist die Lage momentan am schlimmsten? Woran mangelt es?

Das Hauptproblem ist weiterhin der fehlende Zugang zu Wasser. Diese Situation hat sich in den letzten zwei Jahren immer weiter zugespitzt. Vor allem im Nordosten ist die Lage sehr schlecht, dort sind 70 Prozent der Wasserquellen versiegt. In der Folge des Wassermangels treten viele Krankheiten auf, wie zum Beispiel Cholera oder Durchfallerkrankungen. Solche Armutskrankheiten schwächen die Menschen enorm und viele sterben an den Folgen. Die Dürrekatastrophe in Kenia ist aber flächendeckend, weshalb für die Menschen kurzfristig überhaupt kein Ausweg sichtbar ist. Viele Weideflächen sind vertrocknet und die nomadisch lebenden Hirten können ihre Herden nicht mehr versorgen. Unsere Partner, die in der östlichen Provinz Garissa arbeiten, haben uns berichtet, dass selbst Kamele an Wassermangel sterben, obwohl diese Tiere sehr wenig Wasser benötigen. 

Auch Nairobi ist Ziel der Hirten, die ihr Vieh dort in Parks oder am Straßenrand grasen lassen. Wie wirken sich die Hungerkrise und die damit einhergehende Migration innerhalb Kenias auf die Städte aus?

Vereinzelt haben wir in Nairobi Hirten mit ihren Herden auf den Grünstreifen an den Straßenrändern angetroffen und es wurde uns berichtet, dass dies zum Teil die ohnehin angespannte Verkehrssituation weiter verschlechtert.

Der Zuzug in die Städte hat aufgrund von bewaffneten Konflikten und der Verpachtung von riesigen Landflächen an ausländische Investoren schon vor Jahren begonnen und geht mit den Problemen einher, mit denen sich die Bevölkerung, gerade in den Slums, schon lange herumschlagen muss. Das betrifft vor allem den Zugang zu sauberem Wasser und zur Grundversorgung, weil die Enge des städtischen Raums kaum Möglichkeiten bietet für landwirtschaftliche Nutzung.

Das aktuell nicht mehr Menschen in die Städte kommen liegt vor allem daran, dass viele von ihnen schlicht zu schwach sind zu fliehen. Aus den Dörfern wird uns berichtet, dass sich oft das  Familienoberhaupt auf den Weg gemacht hat, um die Lage in den umliegenden Orten zu sondieren. Die Familien bleiben aber vorerst dort und sind damit in der dramatischen Situation, einfach abwarten zu müssen.

Neben Kenia ist medico International auch in Somalia aktiv. Dort unterstützen sie vor allem lokale Organisationen. Welchen Eindruck vermitteln Ihnen die Partner von der Lage in Somalia?

Die Mitarbeiter unserer somalischen Partnerorganisation NAPAD waren bis kurz vor unserem Treffen auf „Fact Finding Mission“ in einer Provinz im Süden, entlang der Grenze zu Kenia. Die Lage ist auch dort sehr schlimm. Die Wasserpreise sind, bedingt durch die Dürre, in den vergangenen zwölf Monaten um bis zu 300 Prozent angestiegen, sodass die Menschen sich Wasser schlicht nicht leisten können, selbst wenn sie Zugang dazu haben. Viele haben sich auf den Weg gemacht, um an anderen Orten im Land Zugang zu Wasser und humanitärer Hilfe zu finden. Die UNO spricht von mindestens  250.000 Binnenflüchtlingen. Aber auch in Somalia führt der Mangel an sauberem Wasser z.B. zu Choleraerkrankungen. Einmal mehr trifft das Leid die Ärmsten der Armen. 

In Somalia ist die Infrastruktur sehr schlecht. Viele Orte sind nicht an das Straßennetz angeschlossen, Telefonverbindungen gibt es nicht. Ist es unter diesen Voraussetzungen überhaupt möglich, sich ein umfassendes Bild der Lage im Land zu machen?

Nein, das ist tatsächlich nicht möglich und auch unsere Partner sagen, dass sie sich über die Situation in vielen Landesteilen kein genaues Bild machen können. Die Menschen sind sehr ängstlich, wegen der permanenten Bedrohung durch die Vielzahl bewaffneter Milizen, von denen die al-Shabaab wohl die bekannteste ist. Diese Verängstigung der Menschen macht es schwer, einen Zugang zu ihnen zu finden und im Gespräch verlässliche Informationen zu erhalten. 

Ich bin daher sehr beeindruckt von der Arbeit unserer Partner, die auch unter schwierigen Bedingungen immer versuchen, mit möglichst vielen Menschen zu sprechen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie sprechen mit den lokalen Dorfvorstehern oder den örtlichen Vertretern der Regierung. Das dient nicht zuletzt auch der Verhinderung von Verteilungskämpfen um die wenigen Hilfsgüter, die in den Regionen ankommen. 

Medico International fordert schon seit Jahren, die Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen zu intensivieren, weil die Menschen mit Sprach- und Ortskenntnis sich am sichersten vor Ort bewegen können und deren Arbeit den größten Erfolg verspricht. 

Im Zusammenhang mit der Hungerkrise ist häufig von strukturellen Ursachen die Rede. Was genau ist damit gemeint?

Lassen Sie mich das zunächst mit einem Zitat beantworten. „Nur wenn wir die Ursachen von Tragödien verstehen, werden sie sich nicht wiederholen.“ Mit diesem Satz begann der Aufruf „Rechte statt Mitleid“, den medico gemeinsam mit einer Gruppe afrikanischer und europäischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller als Reaktion auf die letzte Dürre, im Jahr 2011, veröffentlicht hat. 

Schon damals haben wir einige zentrale politische Aspekte, wie Krieg, Klimawandel, unfaire Handelsbeziehungen, Lebensmittelspekulation und Landraub thematisiert und die Regierungen zu einem Strategiewandel aufgefordert. Wenn man sich diese Themen genauer ansieht wird klar, dass für die Prävention von Hungerkrisen vor allem der Aufbau einer lokalen, nachhaltigen Landwirtschaft nötig wäre. Dies ist aber nicht im Interesse internationaler Lebensmittelkonzerne. Diese setzen darauf in den Ländern der Region Lebensmittel anzubauen, die für den Export bestimmt sind, um sie als  Viehfutter oder Biosprit zu verwenden, statt Menschen satt zu machen. Diese Situation ist unerträglich und wir haben damals schon gefordert, dass solche strukturellen Probleme angegangen werden müssen. Das muss ganz oben auf der politischen Agenda europäischer Länder stehen, aber hier ist in den vergangenen Jahren viel zu wenig passiert. 

Wenn man über strukturelle Ursachen solcher Probleme wie der Hungerkrise spricht, muss man immer eine globale Perspektive einnehmen. Auf der nationalstaatlichen Ebene lassen sich Probleme solchen Ausmaßes nicht mehr lösen.

Teilweise entsteht der Eindruck, die Regierungen der ostafrikanischen Länder verließen sich pauschal darauf, dass internationalen Geberorganisationen im Falle von Hungerkrisen mit Nothilfeprogrammen die Situation im Land stabilisieren. Kann man hier von „gelernter Hilflosigkeit“ seitens der afrikanischen Regierungen sprechen? Welche Verantwortung trifft dabei auch die internationale Gemeinschaft?

Nun, unsere Gesprächspartner in Kenia haben alle zugestimmt, dass die genannten strukturellen Probleme großen Einfluss auf die Situation in Afrika haben. Gleichzeitig kritisierten sie sehr vehement die Passivität der Afrikanischen Union und vor allem auch der nationalen Regierungen jener Länder, die wirtschaftlich stark sind. Kenia, aber zum Beispiel auch Nigeria oder Südafrika, sind wirtschaftlich starke Länder. Alle diese Länder sind aber sehr auf ihre nationalen Probleme fokussiert, in politische Krisen oder Wahlkämpfe verstrickt. Vor dem Hintergrund lassen sich mit Themen wie Klimawandel keine politischen Punkte gewinnen. 

Beide Seiten, also die afrikanischen Regierungen, wie auch die Regierungen der Geberländer, müssen ihren Teil der Verantwortung tragen und das in den Fokus nehmen, was ihre Länder besonders betrifft. Unser Partner KAPLET fordert, dass die afrikanischen Regierungen ihre jeweiligen Gesetze, in Kenia ist das zum Beispiel das Recht auf Zugang zu medizinischer Versorgung oder das Recht auf Zugang zu Lebensmitteln, konsequent durchsetzen und ihren Pflichten nachkommen. Hier scheitern strukturelle Veränderungen am politischen Unwillen und das ist ein Aspekt, dessen  man sich sehr bewusst sein muss, gerade wenn es darum geht, Druck auf diese Regierungen aufzubauen. Gleichzeitig muss man die europäische Verantwortung, dazu zählt auch, unsere Lebensweise auf Kosten anderer zu thematisieren.

Letztlich ist es eine skandalöse Situation, dass die UNO, die die Völkergemeinschaft repräsentiert, um Spenden werben, nachgerade betteln muss. Die UNO müsste die nötigen Mittel ganz automatisch von den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt bekommen. Das dem nicht so ist hängt auch damit zusammen, dass die Vielzahl der Notlagen weltweit immer weiter anwächst. Eben deshalb müssen die strukturellen Ursachen für Kriege und Katastrophen in den Blick genommen werden.  

Welche Konsequenzen wird die jetzige Hungerkrise langfristig haben?

Man muss sich darüber klar sein, dass solche Hungerkrisen die Menschen in den Ländern noch über mehrere Generationen hinweg prägen werden. Die Folgen von Mangelernährung sind unter anderem ein verlangsamtes Wachstum, Lernschwächen und die Menschen erleiden schwere Traumata durch den Verlust von nahen Angehörigen. Deshalb muss, neben der akuten Nothilfe, die natürlich nötig ist, auch die strukturelle Veränderung angegangen werden. Ein Aspekt ist der Aufbau von Frühwarnsystemen und Schutzmaßnahmen. Diese haben bei der aktuellen Krise auch teilweise schon Wirkung gezeigt. An einigen Orten waren Wasserrückhaltebecken installiert worden, Nahrungsmittelreserven wurden angelegt und die Agrarwirtschaft nachhaltig gestaltet. Angesichts des Ausmaßes der Krise waren diese Maßnahmen nicht ausreichend, aber es ist nicht so, dass es seit der letzten Krise gar keine Veränderungen gegeben hätte. 

Zum Glück stellen wir eine wachsende Handlungsbereitschaft seitens der deutschen Regierung und auch eine wachsende Spendenbereitschaft der Bevölkerung fest, die gerade überlebensnotwendig ist. Die beste Prävention wäre jedoch der Abbau der strukturellen Ursachen, die wir bereits besprochen haben. Damit das geschieht, ist politischer Druck nötig. 

]]>
news-774 Thu, 06 Apr 2017 12:32:03 +0200 „Man muss sich darauf einstellen, dass immer öfter Regenzeiten komplett ausfallen“ http://www.entwicklung-hilft.de/news-detail-view/man-muss-sich-darauf-einstellen-dass-immer-oefter-regenzeiten-komplett-ausfallen.html Georg Ehrler betreut im Auftrag von Misereor in Äthiopien die Entwicklung verschiedener Wasserprojekte. Im Interview spricht er über ausbleibenden Regen, komplizierte Projektantragsverfahren und die Vorteile solarbetriebener Pumpen gegenüber Generatoren.

Sie waren Ende Februar in Äthiopien. Wie schätzen Sie die Lage ganz aktuell ein? 

Die Lage ist sehr kompliziert. Die zentrale Frage ist: Wann fängt es endlich an zu regnen? Im Süden bei Moyale hat es wenigstens ein paar Tropfen geregnet. Leider gab es nur dort Regen, in den anderen Gebieten blieb er komplett aus. Seit 2014 hat es wenig oder gar nicht geregnet. Auch in Gegenden, die in der Vergangenheit immer etwas Regen hatten, hat die Lage sich verschärft und die Leute sind auf Unterstützung angewiesen. Das Problem ist, dass langsam die großen Flüsse austrocknen. Die Tiere verenden massenhaft, das war schon im Februar zu beobachten. 

Diesmal scheint die Dürre weitere Bevölkerungskreise zu treffen als 2011, während der letzten großen Dürreperiode. Waren die Menschen dieses Mal nicht besser gewappnet? 

Nein, überhaupt nicht. Viele mussten sich nach 2011 ihren Viehbestand wieder neu aufbauen. Sie waren langsam wieder an dem Punkt, an dem sie ein Einkommen erzielen konnten. Jetzt trifft es sie erneut. Das ist sehr hart.  

Jenseits der reinen Trinkwasserversorgung: Wie würden Sie die Ernährungssituation in Äthiopien insgesamt beschreiben?

Insgesamt sehr schlecht. Dass die Lebensmittelversorgung sehr kritisch ist, spürt man vor allem bei den Kindern. Viele Schulen werden direkt unterstützt, damit wenigstens die Kinder einmal pro Tag eine Mahlzeit bekommen. Auf den Märkten sind Lebensmittel dermaßen teuer geworden, dass sie sich keiner mehr leisten kann. Dabei ist Äthiopien eigentlich, was Nothilfe betrifft, gut aufgestellt. Das „Safety Net“ zum Beispiel unterstützt schon seit 2005 Menschen, die als besonders bedürftig eingestuft worden sind.  Wir sprechen dabei von acht Millionen Äthiopierinnen und Äthiopiern im Jahr. Jetzt sind jedoch noch andere Gebiete dazu gekommen und es können nicht mehr alle Hilfsbedürftigen versorgt werden. 

Bei der Berichterstattung in Deutschland über die Hungerkrise in Ostafrika fällt auf, dass über Äthiopien vergleichsweise wenig zu hören ist. Woran liegt das aus ihrer Sicht?

Das liegt vielleicht daran, dass es einfach nicht im Interesse der äthiopischen Regierung ist. Viele Informationen sollen einfach nicht nach außen dringen. 

Sie sagen also, dass internationale Journalisten schwierigen Zugang zu Informationen im Land haben?

Ganz genau. Hier läuft alles über die Regierung: Jedes Projekt muss letztendlich von der Regierung genehmigt werden, bevor es tatsächlich durchgeführt werden kann. Das ist in anderen Ländern anders, da arbeitet man mit den Organisationen und Menschen direkt vor Ort. Aber in Äthiopien muss alles von der Regierungsseite abgesegnet werden, das ist nicht so ganz einfach.

Was muss einerseits dringend getan werden, um der betroffenen Bevölkerung zu helfen? Und was sind die geeigneten Maßnahmen, um langfristig diese Abhängigkeit aufzulösen und eine nachhaltige Entwicklung anzuschieben?

Dringend müssen zunächst die Nothilfeprojekte verstärkt werden. Die Regierungsseite hat in vielen Gegenden schon Heu für die Tiere der Pastoralisten ausgegeben – ich habe mich mit verschiedenen Menschen vor Ort unterhalten, doch die Menge reicht bei weitem nicht aus.  Man sollte schnellstmöglich die Menschen mit ausreichenden  Nahrungsmitteln und die Tiere mit Futtermittel versorgen. Aber immer nur kurzfristige Hilfe – das kann es nicht sein. Man muss langfristige Projekte angehen, auch wenn es länger dauert und mehr Geld kostet. Es gibt in Äthiopien einfach zu viel Nothilfeprojekte und zu wenige nachhaltige langfristige Entwicklungsprojekte!  Wichtig sind auch  Bewässerungsprojekte, um die landwirtschaftliche Produktion wieder anzukurbeln

Könnte man zukünftige Dürreperioden zumindest abmildern? Die werden, angesichts des fortschreitenden Klimawandels, in den Regionen ja wiederholt auftreten.

Man muss sich darauf einstellen, dass immer öfter Regenzeiten komplett ausfallen. Hier muss man planen, um diese Perioden zu überstehen: Man muss Pflanzen anbauen, die nicht so viel Wasser benötigen, und man muss die Wasserversorgung verbessern. Dazu muss man Brunnen bohren, Regenrückhaltebecken anlegen und Bewässerungssysteme bauen. In Äthiopien gibt es zahlreiche Quellen. Viele dieser Quellen sind noch nicht erschlossen und das an der Oberfläche ausfließende grundsätzlich saubere Wasser, wird durch den ungeschützten Zugang von Mensch und Tier wieder kontaminiert. 

Wie funktioniert ein Regenrückhaltebecken? 

Hierbei wird Oberflächenwasser gespeichert, das in Äthiopien von saisonalen Bächen gespeist wird. Die Becken haben ein Fassungsvermögen von 50.000 m³ und die vorhandene Bodenbeschaffenheit muss  ein hohes Wasserspeichervermögen haben, damit möglichst wenig Wasser versickert. Das Wasser wird mit Solarpumpen entnommen. Die Projektpartner von Misereor haben sechs dieser Becken in der Somali-Region an der Grenze zu Kenia erstellt. Schon ein eintägiger kräftiger Regenschauer konnte zwei dieser Becken komplett füllen. Somit ist es trotz fast vollständig ausgebliebener Regenzeit gelungen, viele Menschen mit Wasser zu versorgen.  Zusätzlich muss nun unbedingt versucht werden, auch Brunnen zu bohren, um an Grundwasser zu gelangen, das in Äthiopien teilweise durchaus in großer Menge vorhanden ist. 

Wie teuer ist es, einen Tiefbrunnen zu bohren? 

Der Bau eines Tiefbrunnens  mit ca. 200 Metern Tiefe und Stahlverrohrung  mit zugehöriger Ausstattung wie Entnahmestellen kostet insgesamt etwa 65.000 Euro. Je nach Ergiebigkeit kommt hierzu eine dementsprechend leistungsstarke Unterwasserpumpe hinzu, die entweder solar- oder generatorbetrieben sein kann. In den Misereor-Projekten werden momentan im Süden Äthiopiens ausschließlich solarbetriebene Pumpen eingesetzt, die zwar in der Erstanschaffung deutlich teurer, aber viel nachhaltiger sind als die Generatoren.  Die laufenden Betriebskosten sind sehr gering und die Mehrkosten von ca. 20.000 Euro sind nach einigen Jahren wieder amortisiert. 

Wie kann die internationale Politik helfen?

Es müssen vor allem entsprechende Gelder bereitgestellt werden, um Projekte angehen zu können. Vielleicht kann die Staatengemeinschaft auch auf die äthiopische Regierung einwirken, ihr Verhalten zu ändern, sich mehr zu öffnen und benötigte Unterstützung klarer zu kommunizieren.  

]]>