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14.11.2011

„Nur der Frieden kann Somalia dauerhaft retten“

Doppel-Interview zur aktuellen Lage in Ostafrika

Das Foto zeigt zwei Portraits von Manfred Bischofberger (links) und Helmut Hess.

Manfred Bischofberger (links) und Helmut Hess. Fotos: Brot für die Welt / Welthungerhilfe

Berlin, 14. November 2011 – Die Hungerkrise in den Ländern am Horn von Afrika dauert an. Noch immer sind viele Menschen auf Überlebenshilfe angewiesen. Im Interview sprechen die beiden Ostafrika-Experten Manfred Bischofberger von der Welthungerhilfe und Helmut Hess von Brot für die Welt über die aktuelle Lage.

Herr Hess, Sie sind gerade aus Kenia zurückgekehrt, wo Sie sich mit Vertretern von DBG, der somalischen Partnerorganisation von Brot für die Welt getroffen haben. Wie ist Ihr Eindruck von der momentanen Lage vor Ort? Zeichnet sich eine Entspannung ab?

Helmut Hess: „Von einer Entspannung kann leider keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Situation hat sich nochmal dramatisch zugespitzt, da die kenianische Armee in den Süden Somalias eingerückt ist. Für die Menschen in diesem Gebiet sind die Konsequenzen katastrophal; sie sind durch Kämpfe und Bombardierungen direkt bedroht, außerdem ist humanitäre Hilfe kaum mehr möglich. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die in Somalia tätigen Hilfsorganisationen, die erst kürzlich gemeinsam dazu aufgerufen haben, angesichts der Hungersnot jegliche militärische Eskalation zu vermeiden. Deutlich gesagt: Ich bin entrüstet über das Ausbleiben einer Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf diese sinnlose Eskalation.“

Welche Interessen verfolgt Kenia mit der militärischen Intervention?

Hess: „Wahrscheinlich ist, dass Kenia die Schaffung eines Teilstaates im Süden Somalias anstrebt. Dieser soll Kenia gewissermaßen als Pufferzone zum krisengeschüttelten Nachbarn dienen.“

Herr Bischofberger, Sie sind erst kürzlich aus dem Regionalbüro der Welthungerhilfe in Addis Abeba zurückgekehrt. Wie ist die Situation in Äthiopien?

Manfred Bischofberger: „In Äthiopien ist die Lage zum Glück nicht so dramatisch wie in Somalia. Es hat jetzt relativ planmäßig Regenfälle gegeben, wodurch sich die Probleme mit der Wasserversorgung reduziert haben. Das Weideland kann sich nun erholen, was vor allem für die Menschen im Osten und Süden des Landes wichtig ist, da sie von der Tierhaltung leben. Außerdem hat im Hochland Äthiopiens die Ernte begonnen, wodurch Nahrungsmittel langsam wieder erschwinglicher werden und sich die Versorgungslage der Bevölkerung einigermaßen entspannt. Im Süden, wo teilweise auch Ackerbau betrieben wird, kann man für Mitte 2012 wieder mit einer Ernte rechnen. Unsere Nothilfemaßnahmen laufen aber trotzdem weiter, denn vielerorts haben die Menschen ihre Tiere und damit ihre Lebensgrundlage verloren. Es wird Jahre dauern, bis die Herden wieder aufgestockt sind. Im Osten Äthiopiens an der Grenze zu Somalia ist die Lage nach wie vor schlechter – in der Region Dolo Ado kommen immer noch 300 bis 500 Flüchtlinge pro Tag an.“

Herr Hess, wie gestaltet sich die Arbeit der somalischen Partnerorganisation von Brot für die Welt im Moment?

Hess: „Mit unseren Partnern bin ich täglich in Kontakt. Es ist derzeit möglich, humanitäre Hilfe in Somalia zu leisten; regionale Schwerpunkte unserer Arbeit sind Mogadishu und Umland – auch Gebiete, die von den Al-Shabaab-Milizen kontrolliert werden. Unsere langfristigen Maßnahmen können in Anbetracht der gegenwärtigen Lage allerdings nur eingeschränkt durchgeführt werden.“

Die momentane Dürre ist die schlimmste in dieser Region seit 60 Jahren. Sind die Hilfsorganisationen angesichts dieser Situation überhaupt in der Lage, über die Nothilfe hinaus an einer langfristigen Verbesserung der Nahrungssicherheit für die Menschen in Ostafrika zu arbeiten?

Bischofberger: „Ich denke schon, dass das möglich ist. Für uns ist es auch wichtig, Nothilfe entwicklungsorientiert zu gestalten. Konkret bedeutet das für uns zum Beispiel, Nothilfe wie die Bereitstellung von Wasser und Nahrungsmitteln mit langfristigen Maßnahmen wie der Einrichtung von Wasserversorgungsstrukturen zu kombinieren. Letztere machen, unabhängig von der aktuellen Krise, die Bevölkerung auf lange Sicht weniger anfällig für Dürreperioden. Dafür ist vor allem ein Zusammenspiel vieler Akteure notwendig, wie zum Beispiel der äthiopischen Regierung, der Hilfswerke und der zivilgesellschaftlichen Organisationen.“

Hess: „In Somalia würden wir natürlich sehr gerne über die Nothilfe hinaus langfristige Maßnahmen durchführen. Das ist im Moment aber äußerst schwierig, da ein großer Teil der Bevölkerung auf der Flucht ist. Langfristige Hilfe bedeutet daher im Moment vor allem, sich neben der Nothilfe für einen Waffenstillstand im Land einzusetzen. Nur der Frieden kann Somalia dauerhaft retten.“

Die Menschen in Afrika kommen in hiesigen Medien oft nur als hilfebedürftige, passive Empfänger von Entwicklungshilfe vor. Wie sehen Sie die Rolle der lokalen Bevölkerung?

Hess: „Meine Erfahrung mit der Bevölkerung in Somalia ist, dass es sich hier um sehr fähige, kreative und aktive Menschen handelt, die alles dafür tun, ihre Situation zu verbessern. Die Fähigkeiten, Landwirtschaft oder Viehzucht zu betreiben oder ein kleines Unternehmen zu gründen, sind vorhanden. Sie haben aber auf die großen Widerstände, die sie an der Entfaltung ihrer Fähigkeiten hindern, keinen Einfluss. Mein hauptsächliches entwicklungspolitisches Anliegen wäre daher, diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Talente zum Einsatz zu bringen.“

Bischofberger: „Das sehe ich genauso. In Äthiopien gibt es eine sehr starke entwicklungsorientierte politische Agenda. Aber auch in der Bevölkerung, bis hin ins kleinste Dorf, versuchen die Menschen, mit geringen Ressourcen das Beste aus ihrem Leben zu machen. Die hohe Motivation der Bevölkerung ist auch der Hauptgrund, warum ich Hoffnung auf eine bessere Zukunft Äthiopiens habe. Darüber hinaus sehe ich einen Bedarf für mehr Bildung: Schon jetzt werden die Ackerflächen knapp und in absehbarer Zeit werden immer mehr Menschen vom Land in die Städte abwandern. Bessere Bildung und Ausbildung würde ihnen die Chance geben, sich in Bereichen außerhalb der Landwirtschaft einzubringen.“

Herr Hess, angesichts der vielen Probleme Somalias könnte man leicht verzweifeln. Was macht Ihnen ganz persönlich Hoffnung?

Hess: „Die Lage in Somalia ist aus meiner Sicht so aussichtslos wie noch nie. Wenn es keine Änderung in der Politik insbesondere der Nachbarländer gibt, wird Somalias Zukunft düster sein. Was mir Hoffnung macht ist, dass es zaghafte Versuche gibt, Gespräche unter Einbindung aller Seiten zu etablieren. Ich halte das für ganz wichtig, da auch die Al-Shabaab-Miliz Leute in ihren Reihen hat, mit denen man reden kann. Militärisch lässt sich die Lage meiner Ansicht nach nämlich ohnehin nicht lösen.“

Herr Bischofberger, wie würden Sie die Zukunftsperspektive Äthiopiens beschreiben?

Bischofberger: „Wie gesagt, sind die Menschen vor Ort sehr engagiert. Zudem ist es dieses Mal besser als in der Vergangenheit gelungen, die Krise so zu managen, dass es in Äthiopien nicht zu einer Hungersnot gekommen ist. Jetzt müssen gemeinsam mit der Bevölkerung langfristige Maßnahmen entwickelt werden. Dazu gehören zum Beispiel Alternativen in der Tierhaltung oder Dürre resistentere Pflanzen im Ackerbau. Wichtig ist aus meiner Sicht zudem, Lobbyarbeit für die Pastoralisten, also die von ihren Tierherden lebenden Menschen, zu leisten. Bisher werden ihre Belange in den Entwicklungsanstrengungen der äthiopischen Regierung nur unzureichend berücksichtigt.“


Helmut Hess ist Kenner der Länder Ostafrikas, er besucht die Region regelmäßig seit über 20 Jahren. Früher war er viele Jahre lang Afrika-Leiter bei Brot für die Welt, aktuell ist er Berater für ökumenische Projekte des Hilfswerks am Horn von Afrika. Zudem ist er im Vorstand der somalischen Hilfsorganisation DBG engagiert.

Manfred Bischofberger arbeitet seit 2003 für die Welthungerhilfe. Er lebt seit einem Jahr in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba und ist Welthungerhilfe-Regionalkoordinator für das Horn von Afrika.