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„Der ungebrochene Lebensmut der Menschen ist |bewundernswert“
Interview zur Lage in Pakistan nach den neuerlichen Überschwemmungen
Berlin, 14. November 2011 – Frank Falkenburg, Berater des Bündnis-Mitglieds Misereor, hat im September mehrere Projekte in Pakistan besucht. Im Interview spricht er über die neuerlichen Überschwemmungen in diesem Jahr, Versäumnisse der pakistanischen Regierung und die Zukunftsperspektive des Landes.
Herr Falkenburg, Sie sind Ende September aus Pakistan zurückgekehrt. Was haben Sie erlebt?
Frank Falkenburg: „Ich bin Anfang September nach Pakistan geflogen. Ursprünglich war geplant, den Stand der Wiederaufbaumaßnahmen im Zusammenhang mit der verheerenden Flut im vergangenen Jahr zu überprüfen. Doch durch die heftigen Überschwemmungen in der Provinz Sindh im Süden des Landes galt es, erneut im Rahmen der Nothilfe aktiv zu werden.“
Wie schätzen Sie den Stand des Wiederaufbaus ein? Wie groß waren die Rückschläge durch die neuerlichen Überschwemmungen in diesem Jahr?
Falkenburg: „Im letzten Jahr waren an die 20 Millionen Menschen von den Überschwemmungen betroffen und es gab in fast allen Provinzen große Schäden durch die Flut. Aufgrund dieses Ausmaßes ist der Wiederaufbau noch lange nicht abgeschlossen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt neben der Unterstützung im Bereich Landwirtschaft bei der Wiederherstellung der Wohnhäuser für die betroffenen Menschen. Doch auch wenn Misereor bereits über 5.000 Familien beim Wiederaufbau ihrer Häuser unterstützt hat, gibt es noch immer viele Menschen, die in behelfsmäßigen Unterkünften leben. Während der Überschwemmungen haben die betroffenen Familien sämtliches Hab und Gut verloren und durch den Ernteausfall blieb auch ein ganzes Jahreskommen aus. So finanziert Misereor beispielsweise die Mittel für die Dachbalken der Häuser – die eigentliche Konstruktion der Häuser organisieren die Dorfgemeinschaften dann in Eigenregie, zumeist mit lokalen Baumaterialien. Durch die neuerliche Flut hat sich der Bedarf bei den Wiederaufbaumaßnahmen natürlich nochmal erhöht. Allerdings waren von den diesjährigen Überschwemmungen vor allem Gebiete im südöstlichen Teil Pakistans betroffen, die im vergangenen Jahr weniger stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass die bereits gebauten Häuser den neuerlichen Fluten standgehalten haben. Denn im Rahmen des Wiederaufbaus werden die Häuser in weniger gefährdeten Gebieten gebaut und zudem das Fundament durch Erdauftrag insgesamt etwas erhöht.“
Sie haben die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern angesprochen. Nach welchem Prinzip funktionieren diese Partnerschaften und daraus entstehende Projekte?
Falkenburg: „Wichtig ist die Berücksichtigung von lokalen Bedürfnissen: Die Misereor-Partner achten sehr darauf den Wiederaufbau von Häusern so zu gestalten, dass lokale Bedürfnisse ein entscheidendes Gewicht besitzen. Die Menschen im Sindh bevorzugen beispielsweise eine andere Bauweise als die Menschen im Norden des Landes. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist die Entwicklungsorientierung der Wiederaufbaumaßnahmen. Der Partner ‚Orangi Pilot Project’ etwa begleitet seit vielen Jahren die Dorfgemeinschaften in den Überschwemmungsgebieten und kann an die bestehende Zusammenarbeit beim Wiederaufbau anknüpfen. Zudem hilft uns das, durch unsere Partner unmittelbar auf akute Notsituationen zu reagieren, weil wir die Nothilfen an bereits vorhandene Projektstrukturen ankoppeln können. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Qualifizierung von Landbewohnern in Methoden nachhaltiger Landbewirtschaftung. Hier wird das Anliegen von Bauern unterstützt wieder eigenes Saatgut zu nutzen und den Dünger selber herzustellen, eben auch um unabhängig von Marktstrukturen zu sein.“
Der pakistanische Staat wurde für sein Katastrophen-Management sowohl 2010 als auch 2011 scharf kritisiert. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden?
Falkenburg: „Das ist unterschiedlich. Seit der Jahrhundertflut im Vorjahr hat es sicherlich Fortschritte gegeben, es wurden Menschen umgesiedelt und der Staat ist aktiv an der Koordination der Hilfen beteiligt. Dennoch sind Infrastrukturmaßnahmen des pakistanischen Staates oft von schlechter Planung und Missmanagement gekennzeichnet. So wurden die Überschwemmungen in diesem Jahr etwa auch durch Dammbrüche eines groß angelegten Kanalsystems, dem ‚Left Bank Outfall Drain’-System, mit verursacht und verschärft. Das System war von Anfang an höchst umstritten und die Dämme wurden nicht ausreichend gewartet. Außerdem gibt keine präventive Siedlungspolitik, die einer massenhaften Ansiedlung der armen Landbevölkerung in der Nähe der potenziellen Überschwemmungsgebiete vorbeugen würde. Diese Faktoren tragen natürlich zu einer größeren Verwundbarkeit der Bevölkerung für Überschwemmungen bei. Hinzu kommt eine Tendenz zur Ungleichbehandlung bei der Verteilung von Hilfe, denn gerade von staatlicher Seite werden die Hilfen nach politischer Gunst und Parteizugehörigkeit gewährt.“
Pakistan wurde nun innerhalb von einem Jahr zweimal von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht. Einige Menschen in Pakistan haben nun zum zweiten Mal fast alles verloren. Wie gehen die Betroffenen damit um?
Falkenburg: „Die jetzt betroffene Region Sindh stellt gewissermaßen das Armenhaus des generell unterentwickelten Landes dar, mehr als 60 Prozent der Menschen dort haben keinen eigenen Landbesitz und leben als Tagelöhner auf den Farmen der Großgrundbesitzer. Sie haben auch kein Vertrauen mehr in die nationale Politik. Vor diesem Hintergrund bin ich immer wieder tief beeindruckt, mit welcher Zähigkeit die Menschen dort auf ihre Lage reagieren. Der ungebrochene Lebensmut der Menschen dort und in Pakistan allgemein ist bewundernswert und stellt für mich eine der großen Hoffnungen für die Zukunft des Landes dar. Es muss daher gelingen, diese Menschen für Projekte zu motivieren, die ihnen eine Zukunftsperspektive eröffnen. Und das sowohl im wirtschaftlichen wie im politischen Sinne. Ziel der Projekte von Misereor ist daher nicht nur die Befähigung der Menschen, besser für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können, sondern auch Fähigkeit zur Selbstorganisation zu stärken. Der Impuls für notwendige Veränderungen muss aus der lokalen Bevölkerung kommen. Diese Prozesse gilt es zu unterstützen.“
Frank Falkenburg ist seit Mai 2011 als Berater für Misereor tätig. Er nimmt die Funktion einer Schnittstelle zwischen Misereor in Deutschland und den Partnerorganisationen in Pakistan ein. Zuvor arbeitete der gelernte Pädagoge mehrere Jahre als Koordinator für Caritas International mit dem Schwerpunkt Asien.

